<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"><channel><title>Gnadenthal</title><description>Poetheologische Onlinezeitschrift</description><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/</link><language>de</language><item><title>Quidams Schwermut</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/quidams-schwermut/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/quidams-schwermut/</guid><pubDate>Mon, 27 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;“Nothing could persuade me that this world is not the fruit of a dark god whose shadow I extend.”&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;— E.M. Cioran, &lt;em&gt;The New Gods&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Die Herrscher des Erdstalls&lt;/span&gt; saßen zwischen den Quitten und schwiegen: Es war ein chinesisches Jahrhundert, in jenen alten Tagen, als das Wünschen noch geholfen hat. Ein grausamer General, den man den „Tumor in Menschengestalt“ nannte, brach die Stille; ein sensibler Mensch und ein akribischer Sammler von Erinnerungen, dessen grausame Taten über die Folklore der Göktürken bis zu den germanischen Stämmen des Karpatenbeckens vorgedrungen waren, wo sie Stoff wurden für das Epos von &lt;em&gt;demjenigen, der die Tiefe sah&lt;/em&gt;, dessen abscheulicher Held „Quidam“ genannt wurde — ein Name, der bei den furchtsamen Krimgoten bis heute Unbehagen auslöst, wenn er laut ausgesprochen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Das Meer, das Feuer und die Frauen“, sagt er, „drei Übel…“, während er sich in den Armen seiner Geliebten die Pfeife anzündet und seinen Blick über die Wogen des südchinesischen Meeres schweifen lässt. Der sanfte Strom der Erinnerung führt ihn zu den frühen Treffen seiner Kabale und zurück in jene Jahrhunderte, in denen sie unaufhörliche Kriege gegen den Kaiser und die Seinigen geführt hatten, um der trostlosen Welt der Materie durch physische und philosophische Konfrontation ein Ende zu setzen. Quidam gedachte seiner toten Feinde, die seiner Bruderschaft den spöttischen Namen „White Lotus School” gegeben hatten, und seiner toten Freunde, der berüchtigten &lt;em&gt;Skopzy&lt;/em&gt;, über deren kindergleiche, unheimlich verunstaltete „weißen Tauben“ die ganze Welt staunte: Er erinnerte sich, wie sie am selben schattigen Platz bei den Quitten gemeinsam einen höhnischen Brief an den König der &lt;em&gt;Tres Daciae&lt;/em&gt; verfassten und wie sie bei einer ihrer Reisen über ebenjenes Meer die stolzen mohammedanischen Verehrer von Termagant gequält und gedemütigt hatten, welche ihre Marter tonlos ertrugen; wie seine Miliz eine Gruppe von Hindu-Brahmanen in der Hitze Varanasis stellte, um sie auf das Samsara-Leidensrad zu flechten, und wie sie an einem anderen, etwas kühleren Tag alle in Andacht versammelt und in kalte Kamelhaardecken gehüllt zum Glimmen von dunklem Harz erschauderten, als sie bei einer Lesung aus den Flugschriften der Heiligen Helena hörten, dass der gesamte Erdball mit Splittern des Kreuzes des Kyrios übersäht sei.&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Quidam lehnte sich zur Seite, um für einen Augenblick den Anblick seines &lt;em&gt;Hortus deliciarum&lt;/em&gt; zu genießen und um sich im Gesicht seiner Mätresse zu verlieren, in dem er jetzt die Züge der Helena erkannte, und die Züge ihres unglücklichen leiblichen Bruders, der in Quidams Händen die Rosenfolter und die &lt;em&gt;Eleven Pains of Hell&lt;/em&gt; erlitten hatte… Die eigenen Sinne zunehmend durch die Tränen des Mohn sensibilisiert, entging ihm nicht ihr leises Stöhnen, das sich in seinen überreizten Hirngewinden bald mit dem fiebrigen Quietschen der sogenannten „Causeway Bay Abductions“ verband, einem Glanzstück der &lt;em&gt;White-Lotus-Verschwörung&lt;/em&gt;; und eine besondere Formulierung aus dieser Zeit kam ihm in den Sinn: „Das ewige Mysterium der Präferenz; oder das Rätsel des Begehrens“, seufzte er vor sich hin und gedachte seiner ersten Ehefrau, die er einst aus dem Wüstenstaub der mongolischen Steppe oder aus einem der kasachischen Khaganate zu sich geholt hatte; eine breitgesichtige Pferdefleischliebhaberin mit nässendem Ausschlag an den Schenkeln, deren Appetit sich ihm niemals zur Gänze erschließen sollte; rododaktylisch und jeden Morgen in bitteren Tränen gehüllt, bis sie sich endlich dazu entschlossen hatte, ihr laktierendes Organ mit einem Paar angesengter Nadeln zu besänftigen. Ihrem hysterischen Lachen und jenem Widerhall durch die Kammern des Erdstalls nachhängend wuchs in Quidam jetzt der tiefe und aufrichtige Wunsch, das Leiden auf dieser Welt zu vervielfachen, an das sich die Rezeptoren seiner Netzhaut so sehr gewöhnt hatten: Am Ende der ewigen Nacht, unter dem gedimmten Licht des Lampenschirms an jenem windstillen Ort zwischen den Quitten hatten Quidam und die Herrscher des Erdstalls beschlossen, einen weiteren, letzten &lt;em&gt;Großen Aufstand&lt;/em&gt; zu beginnen, der das ganze Land in ein Schlachthaus und unzählige glückliche Familien in menschliche Seife verwandeln sollte.&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die Ereignisse, die auf diesen letzten &lt;em&gt;Großen Aufstand&lt;/em&gt; folgten, sollten auf ewig Rätsel bleiben in den Chroniken der Weißen-Lotus-Schule – ein Enigma, das später den Forschungsgeist von Kolonialphilosophen über Länder und Jahrhunderte hinweg fesseln und selbst die brillantesten Gelehrten heillos hineinziehen würde in jenes berauschende Dreieck aus Tee, Opium und Parfum, dem sie – wie schon ihre unglücklichen Vorfahren – bis ans Lebensende nicht entkommen würden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus dieser sogenannten „Forschungstradition“ ging schließlich ein jahrzehntelanger Strom trockener und mit Fußnoten verminter Untersuchungen hervor, der letztlich kluge Köpfe wie Alfred Döblin oder Martin Buber jeglicher akademischen Selbstachtung berauben würde – allesamt elend daran scheiternd, zu begreifen, was mit dem Weißen Lotus nach dem &lt;em&gt;Großen Aufstand&lt;/em&gt; geschah, und wie sie aufgehört hatten zu existieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den gnostischen Zirkeln der südlichen Provinzen hingegen wussten auch die Türhüter und ihre debilen Gehilfen zu berichten, dass Quidam und sein Konklave bei ihrem Marsch auf die &lt;em&gt;City of Darkness&lt;/em&gt; – plötzlich geschlagen von der unendlichen Traurigkeit des Rebellen – der Aufstände und der Morde müde wurden, der Enthauptungen und der Lingchi-Folter, der niedergebrannten Dörfer und der Menschenpyramiden, der weinenden Kinder und der stillen, kollektiven nächtlichen Selbsttötung in den eigenen Reihen; und dass sie auf der Ebene von Zaiton das Kreuz schlugen und sich von ihren Pferden fallen ließen, um sich dort unten zwischen Aas und Kriechtier gemeinsam einem neuen Verfahren zuzuwenden, das die Welt mit ihrem Dualismus unterjochen sollte: In den folgenden Wochen würden sich eine Handvoll Quidams engster Berater in den Untergrund zurückziehen, um sich unter Namen von obskurer und dunkler Bedeutung neu zu formieren – Die neuen Gruppierungen hießen etwa &lt;em&gt;Wukong jiao&lt;/em&gt; („Bewusstsein für die Leere“), &lt;em&gt;Luodao jiao&lt;/em&gt; („Arhet-Weg“) und &lt;em&gt;Wenxiang jiao&lt;/em&gt; („Derjenige, der den Duft empfindet“), wobei die seltsamen Irrwege ihrer zerklüfteten Psychogeographien sie in die Nähe jener Idee führten, von der sie Jahrhunderte zuvor bei den effeminierten orthodoxen Hesychasten gehört hatten, und die ein schmächtiger blonder Kolonialphilosoph viele Jahre später als &lt;em&gt;Theōsis&lt;/em&gt; missverstehen würde: Von dem Zeitpunkt des Zaitonerlebnisses an verfolgte der Weiße Lotus eine neue Praxis, die die Menschheit mithilfe einer Methode der &lt;em&gt;Nanjing Decadence&lt;/em&gt; aus ihrer tierwarmen Fleischhülle befreien sollte: Sie mazerierten Quittenschalen mit der Essenz einer zarten Pflanze, die man damals „Buddhas Hand“ nannte, gossen den Ansatz mit dem Grabwasser ihrer Ahnen auf, und ließen darin Splitter vom Holz des heiligen Amberbaumes ziehen, bis sich eine dunkelrote Flüssigkeit abseihte, die man in Flakons aus Hetianjade füllte und still unter den Menschen zirkulieren ließ, um die gesamte Welt in einen Schleier der Erinnerung und der Ungewissheit zu hüllen…&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Folgt man Pounds verstörendem Bericht aus &lt;em&gt;Cathay; oder die Leiden der Chinesen in China&lt;/em&gt; (1915), so soll diese erste Charge der White-Lotus-Flakons einen nekrotischen Dunst verströmt haben, der die Hüter der Ordnung der Dinge bis heute heimsucht: Eine olfaktorische Absage gegenüber der materiellen Welt; oder ein Messer, das am Weltfleisch schneidet – ein einziger Sprühstoß genügend, um die Innenwelt der Außenwelt in permanente, nervöse Aufruhr zu versetzen; von einer unglücklichen Seele inhaliert, dazu imstande, die Knochen von Familienvätern mit Schaum zu füllen und rechtschaffene Bürger in ewige Feinde des Reiches und seiner Herrscher zu verwandeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieses eher ungewöhnliche Manöver kann gemeinhin als Erfolg gewertet werden, und laut Forschungskonsens prägen die Folgen der White-Lotus-Operation bis heute wesentliche Aspekte des Daseins und der nervösen modernen Welterfahrung, doch selbst nach Jahren fruchtbaren Diskurses und pedantischer Streitigkeiten über Fußnoten konnte keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden werden, wie jener berüchtigte Duft unter einem so trivialen Namen wie „Winterpalast“ bekannt werden konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele Jahre später wird ein blasser Kolonialgelehrter, der gerade ein Sanatoriumscafé in Kierling bei Wien verlassen hat – leise seufzend und von derselben Sehnsucht nach den dunklen und aufregenden Mysterien Chinas erfüllt, die einst schon seine Vorfahren verdorben hatte – mit einem Hauch von &lt;em&gt;Winter Palace&lt;/em&gt; am Hemdkragen seinem gequälten, vom Schicksal geschlagenen Gesprächspartner endlich eine brauchbare Antwort auf die viel diskutierte Frage geben:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Es ist ganz einfach“, sagte er. „Sie waren Rebellen … Räuber, die im Dunkeln agieren; … und bedenke, mein Lieber: Im Winter, da geht die Sonne früher unter.“&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Aleksandar Vadim</dc:creator></item><item><title>Maria Lactans</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/maria-lactans/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/maria-lactans/</guid><pubDate>Tue, 21 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;figure class=&quot;animation&quot;&gt;
  &lt;iframe src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/animationen/marienbrunnen.html&quot; title=&quot;Maria Lactans — Animation&quot; loading=&quot;lazy&quot; scrolling=&quot;no&quot;&gt;&lt;/iframe&gt;
&lt;/figure&gt;
</content:encoded><dc:creator>N.N.</dc:creator></item><item><title>Begegnung mit einem Engel</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/engelsbegegnung/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/engelsbegegnung/</guid><pubDate>Sat, 18 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Als Johann in den Wald ging&lt;/span&gt;, um Brennnesseln und Goldrute für seine kranke Schwester zu sammeln, erschien ein Engel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die Spinne oder die Schlange“, sagte der Engel und zog eine Spinne und eine Schlange aus seinem Gewand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Johann ließ seinen Korb fallen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die Spinne oder die Schlange“, wiederholte der Engel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die Spinne“, stotterte Johann, der ganz bleich war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Gut, die Spinne“, sagte der Engel und legte Johann die Spinne in die Hand und behielt die Schlange bei sich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Du darfst mir acht Fragen stellen. Für jede Frage ein Spinnenbein.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Warum zeigen sich Engel nie?“, platzte es aus Johann heraus und er legte seine Finger um ein Spinnenbein und riss und das Tier zuckte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Weil ihr dann nicht mehr glaubt“, sagte der Engel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Und warum zeigst du dich mir?“, fragte Johann und riss der Spinne das zweite Bein heraus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Weil du nicht glaubst“, sagte der Engel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Stirbt meine Schwester?“, fragte Johann und zupfte das dritte Bein heraus und das Tier zuckte ein bisschen weniger und Johann schluchzte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Ja“, antwortete der Engel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Gibt es nichts, was ich tun kann?“ fragte Johann und Tränen fielen und er rupfte das vierte Bein und das Tier war still.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Nein“, sagte der Engel: „Es gibt nichts.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Kannst du etwas tun?“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Ich habe noch nie etwas getan, aber ich kann.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Wirst du etwas tun?“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Nein“, antwortete der Engel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Warum wirst du nichts tun?“, schrie Johann und aus dem Geäst der Tannen flogen Krähen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Weil sie glaubt.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Johann zögerte und schließlich riss er der Spinne das letzte Bein heraus und warf ihren Körper auf den Waldboden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Was wäre geschehen, wenn ich die Schlange gewählt hätte?“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Natürlich nichts“, sagte der Engel und die Schlange fraß den Spinnenkörper. „Schlangen haben doch keine Beine“, sagte der Engel und verschwand.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Christoph Laible</dc:creator></item><item><title>Bocanje</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/bocanje/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/bocanje/</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;In dem Roman&lt;/span&gt; „Die Brücke über der Drina“ des jugoslawischen Nobelpreisträgers Ivo Andric stürzt sich die gegen ihren Willen verheiratete Braut Fata Osmanagic aus Trotz und Verzweiflung während ihres Hochzeitzuges von der weltberühmten Brücke des Mehmed Pasa Sokolovic in die kalten Fluten des Flusses Drina und damit in den Tod. Der Erbauer selbst war ein serbischer Bauernjunge, der von den Osmanen im Zuge der sogenannten Knabenlese entführt wurde, es im Laufe seines langen Lebens sogar zum Wesir brachte und seiner Heimat dieses steinerne Denkmal setzte: eine Brücke über jenen Fluss, der Okzident und Orient trennt, die ehemalige Grenze von Ostrom und Westrom, dann nach dem großen abendländischen Schisma, die Grenze zwischen Katholizismus und Orthodoxie. Als dann die Osmanen in den Balkan vordrangen, weite Landstriche eroberten und ein Teil der südslawischen Bevölkerung zum Islam überführt wurde, war die religiöse Zersplitterung dieser Region endgültig besiegelt.&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der türkischen Sprache verdanken die Jugoslawen ein Wort, das sich nur unzureichend als „Trotz“ übersetzen lässt, nämlich &lt;em&gt;Inat&lt;/em&gt;. Dieses Gefühl mag Sokolovic dazu bewogen haben, die Brücke zu bauen, und Andric hatte es bestimmt im Sinne, als die fiktive Braut sich in die Fluten stürzt. Eben jener &lt;em&gt;Inat&lt;/em&gt; mag auch die kroatischen Frauen und seltener auch Männer, vor allem in Bosnien, welche dem katholischen Glauben treu geblieben waren, in den vielen Jahrhunderten der osmanischen Besatzung dazu bewogen haben, an sichtbaren Stellen des Leibes wie Fingern, Händen, Unter- und Oberarmen, der Brust und sogar der Stirn christliche Ornamente mit dem Kreuz als zentralem Motiv tätowieren zu lassen. Man verwendete für diese unauslöschlichen Male einfache Nadeln und für die Tätowierfarbe ein Gemisch aus Kohle, Ruß, Honig und Muttermilch der Wöchnerinnen. Dieser Brauch wurde als „Bocanje“ bezeichnet, daher „stechen“, und die Beweggründe waren, neben gemutmaßten illyrischen Traditionen, die wohl im Dickicht der Geschichte für immer verschwunden sind, vor allem der erhoffte Schutz vor einer gewaltsamen Konversion zum Islam, vor dem Raub der Frauen und der Verschleppung der Knaben in die Einheiten der Janitscharen (jenes Schicksal, welches den Wesir Sokolovic ereilt hatte). Selbst wenn sich Solches nicht aufhalten ließ, so hoffte man doch, selbst bei Zwangsverschleppung die Bewahrung der christlichen und nationalen Identität der Entführten. Das Kreuz sollte die Kroaten an ihren Glauben gemahnen und die Initialen des Namens, welche auch oft angebracht wurden, an ihr Volkstum erinnern. Es war sicherlich auch die Verehrung der Katholiken für die Dynastie der Kotoromanic, jenes kurzlebigen bosnischen Königreiches, mit seinem enthaupteten König Stjepan, seiner Gattin, der geflohenen Königin Katarina und ihrer beiden, in die Türkei verschleppten, Kinder, welche durch diese Tätowierungen ausgedrückt werden sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;fuehrung&quot;&gt;„…ein &lt;em&gt;character indelebilis&lt;/em&gt;, ein untilgbares Prägemal auf der Seele der Gläubigen.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Osmanen verschwanden schließlich und das Rad der Geschichte drehte sich weiter, Verbündete und Erzfeinde wechselten auf der Bühne des großen Welttheaters, immer wieder die Rollen und heute sind diese traditionellen Tätowierungen beinahe gänzlich verschwunden, wie auch das archaisch anmutende, bäuerlich-ländliche Milieu, aus welchem diese Frauen entstammten. Die heutigen Tätowierungen (über welche Adolf Loos sein berühmtes Verdikt sprach) bei den Kroaten unterscheiden sich kaum von jenen in anderen, westlichen Länder. Nun, man kann das in Kürze beschriebene Phänomen natürlich aus verschiedenen Perspektiven betrachten, etwa als Glaubenszeugnis einer minorisierten Gruppe, auf Gedeih und Verderb den Siegern ausgeliefert und permanent am Rande der Vernichtung. Nach katholischer Lehre sind die Sakramente der Taufe, Firmung und auch die drei Weihesakramente, ja ein &lt;em&gt;character indelebilis&lt;/em&gt;, ein untilgbares Prägemal auf der Seele der Gläubigen, so ähnlich wie auch die besprochenen religiösen Tätowierungen auf den Armen und Händen. Wollte man sozusagen dieses unzerstörbare, unsichtbare Gnadenmal noch durch ein untilgbares Brandmal auf der Haut bekräftigen? Oder war es vielleicht gar die weise Einsicht und Bestätigung des Dogmas &lt;em&gt;Die Gnade setzte die Natur voraus und vollendet sie&lt;/em&gt; und ein beständiges, unwiderrufliches Erinnern, seinen christlichen Glauben in der Welt zu leben und sich zu ihm zu bekennen, eine ständige Mahnung zu haben, nicht zu sündigen und sich nicht zu verleugnen. „Die Herzen treiben längst im Strom der Weite“, sagt der Dichter Benn und so ist es auch mit dem, durchaus mutigen Glaubenszeugnis der Kroatinnen. Phänomene, wie die islamische Expansion, oder den Kommunismus mag man vielleicht durch einen solchen Akt widerstehen können, aber ob es die Gläubigen auch vor den Versuchungen der Gegenwart, dem Hedonismus und Materialismus zu schützen vermag, ist sehr fraglich. Wie sehr gemahnen doch die Kreuze, welche die Tätowierungen moderner Menschen schmücken, an stolz getragene Talismane im ruhelosen Wettlauf um Geld und Vergnügen in der calvinistisch-kapitalistischen Moderne, von welcher Max Weber sprach. Wie sehr zeugen heute religiöse Übungen manch eines Christen doch mehr von der Hoffahrt Kains als von der Demut der Mutter Gottes…„fiat mihi secundum verbum tuum“…&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Jetzt fühlte sich ihre geschändete Haut wie ein Nesselhemd, ins Fleisch gewachsen, dem Entrinnen keine Möglichkeit mehr gebend.“ So heißt es in Doderers Erzählung „Die Tätowierte“ und es ist eine wunderbare, poetische Beschreibung all jener Zeichen und Male, die der Mensch nicht wieder entfernen kann, welche unentrinnbar mit ihm verbunden sind. Mir fielen da etwa neben der Tätowierung die Amputation, die Beschneidung, der waffenstudentische Schmiss, aber auch die Physiognomie, die Hautfarbe, ja platonisch gesprochen auch der Körper an sich ein. Doch das größte und deutlichste unauslöschliche Zeichen, welches ein Mensch mit sich trägt, ist, glaube ich, doch sein Leben selbst, sein Tun, sein Unterlassen, schließlich die Worte, welche er schrieb und sprach. Wie hoffe ich, dass unser aller gezeichnetes Ich in ein schönes, neues Sein verklärt werden wird. Unsere körperlichen und seelischen Narben, bei der Auferstehung des Fleisches, geheilt werden mögen.&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Was bleibt von dem Brauch der Kroatinnen? Ein historisches Detail jedenfalls, aber wenn man die Geschichte der Menschheit als Heilsgeschichte begreift, so ist kein Ereignis willkürlich, keines bloß Ornament, alles strebt, so will ich glauben, der Versöhnung zu, auch wenn es schwierig zu begreifen ist. Im Jahre 1941 ermordeten Angehörige der „Jugoslawischen Armee im Vaterland“ unter dem Kommando des Major Jezdimir Dangic fünf katholische Nonnen und deren gemarterte Körper wurden gemeinsam mit abertausenden Leichnamen ermordeter bosnischer Moslems in die Fluten der Drina geworfen. &lt;em&gt;Vielleicht hatte auch manche der ehrwürdigen Schwestern die traditionellen kroatischen Tätowierungen an Armen und Händen, gingen mit ihnen in den Märtyrertod…?&lt;/em&gt; So denke ich manchmal, und ein Vers des kroatischen Dichters Tin Ujevic kommt mir in den Sinn, in welchem er sagt, dass das vergossene Blut, die gemeinsame Niederlage der Menschheit in Krieg und Gräuel, doch nur eine gemeinsame Geschichte aller Seelen sei.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Origines Adamantius</dc:creator></item><item><title>Heilige Prostitution</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/heiligeprostitution/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/heiligeprostitution/</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Auf Montsalvat&lt;/span&gt;, der Burg, in der die Räume schwanken, stahl sich eine junge, schöne Dirne einst in die Gemächer ihres Königs und gab sich ihm als Freudenmädchen hin. Er besaß sie mit einem unstillbaren Durst nach ihrem Körper und zahlte ihr für ihre Dienste eine Handvoll funkelnder Rubine.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geschützt von den tiefen Falten ihrer Gewänder, hütete das Mädchen des Hades Gruß an sie, wie einen Schatz von hohem Wert, den man nur besitzen muss, sodass er seine Macht entfaltet, trug sie ihn in einem Tuch zum Beutel gerafft, stets nah an ihrer Brust.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Etwas hatte sich verändert, seitdem sie sich dem Gralskönig hingegeben hatte. Wann immer Ritter, die ihren Weg in die Grotte von Montsalvat fanden von nun an ihren Durst an ihr stillten, so gab sie ihnen ein unaussprechbares Geheimnis mit. Die tapferen Gralssuchenden, die es in die Tiefen des Schlosses verschlug, berauschten sich an ihr wie an schwerem Wein und wenn sie wieder von dannen zogen, waren sie verändert. Rüstiger, mit einem Geheimnis, unaussprechlich wie das der Sphinxen, das sie stärkte, doch sie konnten nicht sagen, warum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie sich dieses Wissen, das man Erotik nennt, vermehrt, versteckt sich in der Allegorie der lodernden Kerze. Es offenbart sich, da man lange in die tanzende Flamme geblickt hat. Wie lange? Lange genug, um darin die Frau mit wogenden Hüften zu sehen, oder jene andere, die man einmal flüchtig und rauschend auf einem Fest im Augenwinkel sah, da man sie auf Festen immer sieht. Ob sie diesmal wirklich ist? Hunger, Durst und Müdigkeit haben die Vernunft mürbe gemacht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da gab es schon solche, die dachten, hinter der schlanken Flamme weile Isis, wie hinter blutendem Schleier, die funkelnde Brust und fast richtet sie den Blick an dich und hebt an, mit ihrer Stimme dir das Ohr zu salben, denn sie klingt wie schmelzender Bernstein in einer ausgeraubten Krypta: &lt;em&gt;Meine absolute Schwester&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ach, wer hat mir den Gott aus den Hirschen geraubt?&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Ich bin eines der Mädchen des Grals. Mein Name ist &lt;em&gt;Salome&lt;/em&gt; und ich stehe vor dir, junger Ritter. Du bist weit geritten und es hat dich müde gemacht. Aber deine Müdigkeit ist nicht von der Natur, die eine durchschlafene Nacht als Curare hinnimmt, dir die Stirn zu erfrischen. &lt;em&gt;DU&lt;/em&gt; bist müde geworden, wie man alt wird und jetzt stehst du vor mir. Der Zeiger der Zeit läuft in schwarzem Samt. Die Wehmut geht um, auch bei dir zieht sie durch, wie ein Schwall Sepia durch atlantische Ruinen. Langsam, dicht und …&lt;em&gt;wahr&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich trage mein Haar mit dem purpurnen Band in den Dutt geflochten, wie es die Griechin trug, wenn sie vor Aphrodite kniete. Dich dünkt, ich sei die Silhouette einer antiken Kurtisane, wie einer Tonscherbe entstiegen. Ist dir leid um den zerbrochenen Krug, in dem man den Durst des Dionysos befeuert hat? Die Schönheit meines Körpers ist ein Geschenk an die Musen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich nähere mich dir in Seidentüchern, floss fast zu dir hin: &lt;em&gt;Engel&lt;/em&gt;, sprach ich dich an, &lt;em&gt;lass uns stehen wie einen Docht und seine Tochter, eine Wendeltreppe aus Wachs&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich umschwebe deinen Leib, berührte dich an deiner Hand mit meinen schlanken Fingern und da sang ich mein Mädchenlachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du bist Christ, doch meine Augen erinnern dich an eine Zeit, in der das Konkubinat in freier Einverständnis zwischen den Göttern und den Frauen existierte. Ich bin grazil und gelassen, wie ein attischer Frühling mit weißem Nacken. Kehre frei in meinen Schoß ein. Seine Rose ist die Deine, dir das Glied zu schmücken, sag Du zu mir, nenn mich frei wie du möchtest, Isis, Gral oder Magdalena. Ich bin dein Freudenmädchen.&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Trunkenheit,&lt;/em&gt; die erste Fackel ist entflammt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit nackten Füßen wie die Nymphen gehen, tanze ich um dich herum. Du lässt es dir gefallen und so löste ich mir einen Schleier aus dem Kleide. An seinem Saume klappern Granatsteine, wie zu erhaschende Lüste/ hängen wie Weintränen oder Wundperlen mir am Bein, schmücken mir rhythmisch die Hüfte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da gleitet der Schleier dir übers nackte Gesicht, über die Lider und über die Lippen/&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;unsere Lust ist aus derselben Wunde gefallen.&lt;/em&gt; Du fragst dich, wo sie liegt? Ists das Klaffen hinter dem Auge? Oder das hinter dem ersten Wort?&lt;/p&gt;
&lt;div class=&quot;kreuz-trenner&quot;&gt;&lt;svg class=&quot;kreuz&quot; viewBox=&quot;0 0 48 72&quot; style=&quot;--kreuz-groesse:1.7em&quot; aria-hidden=&quot;true&quot; focusable=&quot;false&quot;&gt;&lt;path d=&quot;M19,0 L29,0 L28,22 L44,21 L44,31 L28,30 L29.4,72 L18.6,72 L20,30 L4,31 L4,21 L20,22 Z&quot; fill=&quot;currentColor&quot;/&gt;&lt;/svg&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Benommenheit,&lt;/em&gt; auch die zweite Fackel brannte. &lt;em&gt;Folge mir&lt;/em&gt;, beschwor ich dich und du folgtest mir bis an die aquarellene Schwelle, wo eines in sein Ebenbildnis fließt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fang die roten Perlen mit der Zungenspitze, trink wie Magdalena an Christi Leib, denn er war ihr Grab und er war ihr Garten. Das ist die kannibalische Wahrheit der Leiber, komm in die Grotte, die Leidenschaft ist des Leidens Korybant.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es waltet ein Gott in uns, so wir begehren und jedes Mal, wenn wir uns in Sehnsucht nach jemandem verzehren, beginnen wir in diesem Durst unsere Ohnmacht vor seiner Unendlichkeit zu fühlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin nur eines der Mädchen, die wir da sind, dir den Weg mit wiegenden Hüften zu schnörkeln. Ich frage dich nicht, wieviele Edelsteine du dem Cheruben gezahlt hast, um in die Grotte eintreten zu dürfen. &lt;em&gt;Armer Ritter!&lt;/em&gt; Dachtest du, der Gral sei wie der Ritterschlag, sei etwas, das man ehrlich erringt, sei wie ein Schatz für dich aufzufinden, in stummer schimmernder Hingabe, wie eine Kiste voll Pokalen, Schmuck und Münzen? Wie im Mondesschein das Muschelschmalz in der Kajüte eines Wracks am Meeresboden?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Oder glaubtest du, er &lt;em&gt;sey&lt;/em&gt; wie Schönheit im Schleier meines Geruchs, läge wie Blütenstaub auf meinen Lippen, verstecke sich im Fließen der Gewänder, in der Rose meines Schoßes?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erfleh dir frei den Gnadenstoß, dein Gral ist immer schon verschüttet, ausgegossen in die Luft von Montsalvat, in die Luft, die trunkne, trunkne Luft/ da die Fackeln knistern und die Mädchen schweben/ &lt;em&gt;Mein Gott schaut! / Ein Engel hat sich hingegeben&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch das Gefühl erlischt, die Flamme vergeht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Meine absolute Schwester,&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wer hat dir den Engel aus den Harnischen geraubt?&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Mona Salva</dc:creator></item><item><title>Märtyrerspeisen</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/maertyrerspeisen/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/maertyrerspeisen/</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;In einer ihrer sommerlichen Instagram-Storys&lt;/span&gt; war neulich der rechte Zeigefinger von Betony Vernon zu sehen, wie er mit sanftem Druck in ein Agathentörtchen drückte. Ganz nahe dort bei einer der kandierten Kirschen, die auf der rosa glasierten Oberfläche des kuppelförmigen Gebäckstücks den Nippel symbolisieren. Der Feiertag der Heiligen Agathe ist seit jeher auf den 5. Februar festgelegt. Dass Mistress Vernon, die selbst die schönsten Brüste unter den Lebenden hat, sich &lt;em&gt;Minne di Sant’Agata&lt;/em&gt; auch noch an anderen Tagen bringen lässt, weist auf die Kinkyness dieser Märtyrerspeise hin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass jemand für seine Überzeugung lieber sterben will, als sich anzupassen, erscheint je nach gewählter Perspektive entweder töricht oder heldenhaft. Bei den Märtyrern ist es zudem die ihnen auferlegte Art und Weise, ihre Entscheidung noch zu überdenken, die den edlen Heldentod vom Martyrium scheidet. Zumindest gilt das für die frühen, die mythisch gewordenen Märtyrer. Im späteren Verlauf der Kirchengeschichte nimmt nicht bloß ihre Anzahl stetig zu, es werden nun auch überwiegend auf recht zivilisiert, meint: ohne physische Folter zu Tode gebrachte als Märtyrer deklariert. Als ein Beispiel sei hier Maximilian Kolbe angeführt, ein katholischer Priester, der sich im Konzentrationslager Auschwitz anstelle eines bei einem Fluchtversuch gefangenen Mithäftlings durch eine Phenolinjektion hinrichten ließ. Kolbe wurde 1971 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. In den frühen achtziger Jahren erfolgte dann aufgrund seines Martyriums die Ernennung zum Heiligen. Seitdem ist der Heilige Maximilian Kolbe, dessen Feiertag am 14. August begangen wird, auch Schutzpatron für unter anderem CB-Funker und Drogensüchtige. Wobei man bei beiden Attributen den Ratschluss des Heiligen Stuhles nur bewundern kann. Womöglich hat sein Martyrium durch Injektion einer chemischen Substanz das Feedback hinsichtlich Junkies hervorgerufen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass der Kult um die Heilige Agathe weniger schnöde, ungleich prachtvoller, die Fantasie anregender und vor allem auch kulinarisch interessant gestaltet wurde, hat freilich mit ihrem weniger schnöde, prachtvolleren, die Fantasien seit Jahrhunderten anregenden Martyrium zu tun, dem wir, so auch Betony Vernon, letztlich die köstlichen Brusttörtchen zu verdanken haben. Es gibt solches Agathengebäck übrigens auch in der Schweiz, dort ist es—wen wundert’s—spröde und ring(li)förmig, auf dass es bloß noch abstrakt an das Symbol eines Brustpiktogramms erinnern könnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es weiß ja im Grunde niemand, ob es Agathe überhaupt gab. Die gesamte Geschichte könnte genau so gut ein Fantasieprodukt sein — sogar das einer Agathe. Bekanntlich hat Mishima beispielsweise sich seit seiner Pubertät in ausschweifenden Sebastianaden ergangen. Es ist garantiert nicht zu viel behauptet, dass die von ihm letztendlich gewählte Selbsttötungsart, das Aufschneiden des unteren Bauchraums durch einen waagerecht von der Herzseite bis zur Leber hin geführten Schnitt mit dem kurzen Dolch, ihn in ein von seiner Qualqualität her mit dem Heiligen Sebastian vergleichbares Reich des Todes führen sollte. Ob aber nun der im französischen Bürgertum zur Weihnachtszeit aufgetragene Baumstammkuchen tatsächlich jenen Baum symbolisieren soll, an dem Sebastian von den Pfeilen durchstoßen wurde, wie es zuletzt noch der Monarchist Jean Raspail behauptete, und auch, ob der japanische Kodex, in dem Seppuku zentral und bis heute kaum sublimiert wirkt, etwas mit unserem Martyrium Vergleichbares überhaupt kennen kann, soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Fall der Agathe interessiert ja vor allem der Grund, dessentwegen sie zur Märtyrerin gemacht wurde. Der Legende nach war es ein Römer, der die junge Christin beschlafen wollte. Um ihren Widerstand zu brechen, zwang er sie zur Prostitution, wo es ihr trotz allem gelang, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Um sie doch noch umzustimmen, ließ er ihr daraufhin die beiden Brüste abschneiden. Da ihre Standhaftigkeit irreversibel schien, fand ihr Martyrium auf einem Rost über der Glut sein Finale, wo sie im jungfräulichen Zustand zu Tode gegrillt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass von dieser Symphonie der Unzumutbarkeiten das Amputieren der Brüste isoliert und zur kulturellen Überhöhung präpariert wurde, spricht von einem starken Bewusstsein für das Marketing. Nicht bloß gibt es bis heute erhaltene Gemälde von Agathe, die ihre Brüste in einem Gefäß, einem Präsentierteller und dergleichem zeigt. Es gibt auch die Kuchen. Und in früheren Zeiten, als der Reliquienhandel noch wichtig, als Kreuzfahrten noch Wallfahrten waren, gab es mit Sicherheit auch Abbilder der Agathen-Brüste aus Wachs, die den Pilgernden roadside feilgeboten wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Mittelalter vor der Erfindung des Buchdrucks, einer ungleich die Fantasie anregenderen Zeit, war die Produktion von Kerzen und Votivbildern aus Wachs mit der Produktion von Süßwaren verknüpft. In dieser Zeit, die auch vor der Erfindung des raffinierten Zuckers siedelt, lieferten Bienenvölker sowohl Wachs wie Honig. Wer Kerzen zog, stellte auch Votivbilder her. Und als nahrhafte Speise wurden vom Lebzelter sogenannte Lebkuchen angeboten. Gut möglich, dass es einer dieser Lebzelter war, der, von der Legende des Agathenmartyriums inspiriert, sich eine frühe Form der Agathenbrüstchen ausgedacht hat. Auf Sizilien, wo, neben Kalabrien, der Agathenkult bis heute noch lebhaft begangen (und in Form dieser speziellen Mundkommunion auch gemundet) wird, wurden sehr früh schon aus Marzipan, das man von den Arabern hatte, sogenannte Frutta di Martorana hergestellt: Möglichst realistische Nachbildungen von Früchten, die man als Almosen an die Armen verteilte, die sich die Originale nicht leisten konnten. Auch Armut ist ja nichts als ein Martyrium. Allerdings würden die meisten schon gerne abschwören—allein sie wissen das Losungswort nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Effekt aber, den die abgeschnittenen Kuchenbrüste der heiligen Märtyrerin am Gaumen der Gläubigen auslösen sollten, darf man sich ganz ähnlich vorstellen wie denjenigen der symbolischen Früchte: Das Bittere, das der Wahrheit nun einmal eignet, wird durch die Süße der Martyriumsspeise transzendiert. Für den Moment des kulinarischen Genießens, des kindlichen Zerbeißens, wie Michael Balint es nannte, schaut der in Wirklichkeit gebundene ein anderes Reich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der erotische Genuss der Martyrien hingegen, von dem Mishima noch profitieren konnte, wird allmählich schwierig. Die Profanisierung des ritualisierten Leidens ist vorangeschritten. Die stilbildende Kraft der katholischen Kirche kaum noch vorhanden. Selbst in Rom wurden bei den Reliquienprozessionen in jüngster Zeit die Schreine vornehmlich von afrikanischen Trägern umhergeführt, da sich selbst am Heiligen Stuhl der sogenannte Facharbeitermangel bemerkbar macht. Lediglich in den Entwicklungsländern gibt es noch Nachwuchs. Hier findet die Ware Hoffnung noch fruchtbare Absatzgebiete und auch junge Leute können sich nichts Schöneres vorstellen als ein Leben in Gott.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vom Glauben an die Heilige Agatha werden einst wohl nur die Minne di Sant’Agata überleben. Vermutlich auch der Grund, dessentwegen ich, trotz «Körperwelten» des Gunther von Hagens selig, beim genüsslichen Abziehen der Haut eines Grillhähnchens bei City Chicken noch immer an das Martyrium des armen Bartholomäus denken muss.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Oder will?&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Joachim Bessing</dc:creator></item><item><title>Eine Nacht in der Casa di Ospitalità Nazareno</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/nazareno/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/nazareno/</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;div class=&quot;bilder bilder--links&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Dämmriger Flur mit Sesseln und einem Feuerlöscher, Durchblick in den offenen Treppenraum&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-1.Dvzqkqm1_Z6WIAB.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Blick von der Empore auf leere rote Stuhlreihen, darüber ein Bild der Heiligen an der Wand&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-2.CaoKxBts_1pMC4Q.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Doppelzimmer mit zwei Betten, Fenster mit Jalousien, Heizkörper und Holzstuhl&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-3.fdL7OGxg_Z2mS9yv.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Zwei gerahmte Papstfotos auf einer Holzbank, davor ein bemalter Flaschenkürbis&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-4.Bu7mlrA-_ZiBRi0.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div class=&quot;satz&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Sobald ich mein Doppelzimmer betrete&lt;/span&gt;, nachdem ich durch die dunklen Gänge schreitend, die einmal Krankenhausflure gewesen sind, durch die sich Kranke, die vielleicht Wochen zuvor noch anregende Gespräche im Kreuzgang geführt hatten, eingehakt unter den Arkaden schreitend und sich über Neoplatonismus, Mystiker &amp;amp; die Waldenser unterhaltend, nach der Hospitalisierung nun eingehakt unter ihren Geliebten und in ehrfürchtiger Hoffnung die Blicke der Ärzte suchend, um durch dutzende devoter Gesten und Gesichtsausdrücke auf ihr Schicksal einzuwirken stumm ihre unendliche minutiöse Leidensarbeit verrichteten, die Flure betrachtet hatte, die jetzt bar jedes Patienten mit Fotos vom Heiligen Vater, von lachenden Kindern, mit Lourdeswasser und Figuren des hl. Franziskus dekoriert waren, konnte ich die Luft atmen, die man nur in Krankenhäusern und in Klöstern atmen kann; die man in der Kindheit atmet, von der Mutter alleine in ein Internat gebracht, lange bevor alle anderen kommen werden, und später in der Kaserne, in einer Art Utopos oder Eutopos, der nichts mehr hat, das einen in der Fremde an das Eigene erinnert; in den unendlichen Momenten, bevor man das Fenster öffnet und das alte Licht das Kreuz und die Marienfigur bescheint, kann man Generationen von Einsamkeit atmen: es gibt ein Pneuma, das man erwartet, auf das man sich vorbereitet und das man kultiviert, täglich leise Hymnen singend, stündlich betend; und es gibt ein anderes, das einen ganz unvermittelt erreicht, die Lungenflügel mit aller Erdenschwere und Weltenlast füllend,  das den Atmenden für einen Augenblick alles Leid und alle Schönheit der Welt spüren lässt.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;ort&quot;&gt;Spoleto, Umbrien, 1. September 2023&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div class=&quot;bilder bilder--rechts&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Gerahmtes Marienbild an weißer Wand, daneben ein kleines Landschaftsgemälde und Kunstblumen&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-5.CoyV7OOV_Z18oPF1.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Großformatiges Foto zweier Kinder im Gras, an der Wand neben einem Aushang&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-6.DVqOC7w6_1IC5k0.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Statue des heiligen Josef mit dem Jesuskind auf einem Sockel, davor Blumen, daneben ein Notausgangsschild&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-7.B5ndfo74_25xPPT.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Zimmer mit zwei Betten, Fenster zur Dunkelheit und einer Wandlampe&quot; loading=&quot;lazy&quot; decoding=&quot;async&quot; width=&quot;1500&quot; height=&quot;2000&quot; src=&quot;https://gnadenthal-magazin.pages.dev/_astro/nacht-8.5RQaox2U_cJEgL.webp&quot; srcset=&quot;&quot;&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
</content:encoded><dc:creator>Johannes von Ohrid</dc:creator></item><item><title>Skrjabin und die Synpoesie des Klangs</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/skrjabinsynpoesie/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/skrjabinsynpoesie/</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Alexander Nikolajewitsch Skrjabin&lt;/span&gt;, geboren am Weihnachtstage des Jahres 1871 in Moskau, trug ein Geheimnis in seiner Brust, ein Mysterium gleichsam &lt;em&gt;trans se ipsum&lt;/em&gt;, ein Geheimnis seines eigenen Übermorgens, ein Mysterium posthumer Not.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun lautet dieses Geheimnis Skrjabins nicht vorrangig auf seinen bemerkenswerten Tag der Geburt, den er in aller gebührenden Unanspruchslosigkeit als Signum seiner Auserwähltheit las; noch auf seine Farb-Synästhesie, die es Skrjabin erlaubte, die unterschiedlichen Tonarten jeweils mit einer Farbe versehen wahrzunehmen; aber auch nicht auf der oft überwirklich anmutenden Genialität etwa seiner zehn Klaviersonaten oder dem &lt;em&gt;Poème-Nocturne&lt;/em&gt;; sondern auf der paradoxen Unverfügbarkeit von Skrjabins letztem, freilich unvollendet gebliebenem Werk &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt;. Unverfügbar paradox deshalb, weil dieses Werk sich selbst verfehlen musste, um dereinst gelingen zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Intendiert war besagtes &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; von Skrjabin als messianisches Gesamtkunstwerk, welches als Sinfonie der Sinnlichkeit Töne, Düfte, Farben, Licht- und Nebeleffekte, Tanz und bewegte Architektur umfassen sollte. Konzipiert auf eine Spieldauer von insgesamt sieben Tage, sollte das &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; dabei, unterstützt von hunderten Mitwirkenden, in einer Kathedrale im Himalaya fortwährend aufgeführt werden, bis die gesamte Menschheit ihm beigewohnt und dabei im Zuge einer kollektiven Ekstase eine musikalisch-mystische Katharsis durchlaufen habe. Ziel war es die Menschheit dadurch in einen höheren Zustand transzendenter Einheit zu erheben. Was in früheren Werken Skrjabins, wie &lt;em&gt;Le Poème de l’Extase&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Prométhée&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Vers la flamme&lt;/em&gt; bereits angelegt war, sollte im &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; so zu einer inkommensurablen Steigerung gelangen, ja im Grunde das heilige Kunstwerk &lt;em&gt;non plus ultra&lt;/em&gt; realisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Skrjabin selbst verstand sich dabei als Erlöserfigur im Dienst Gottes, der dazu berufen war, das &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; zur Rettung, Heiligung und Steigerung der Menschheit zu schaffen. Aufgrund seines relativen frühen Ablebens im April 1915, Skrjabin war 43-jährig, lagen zum Zeitpunkt seines Todes jedoch lediglich 72 skizzierte Seiten des &lt;em&gt;L’acte préalable&lt;/em&gt; des &lt;em&gt;Mysteriums&lt;/em&gt; vor. Aus diesen Skizzen rekonstruierte der russische Komponist Alexander Nemtin später, während einer Dauer von 28 Jahren, die mögliche weitere Ausfaltung des &lt;em&gt;Mysteriums&lt;/em&gt;, die im Jahre 1973 als &lt;em&gt;Preparation for the final Mystery&lt;/em&gt; (1. Teil: Universum, 2. Teil: Menschheit, 3. Teil: Verklärung) uraufgeführt wurde und seither als Skrjabins &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; vorliegt. Die Spieldauer der Nemtin-Fassung von ca. 2 Stunden und 40 Minuten ist beachtlich, im Vergleich zu den potenziell vorgesehenen 168 Stunden des gesamten &lt;em&gt;Mysteriums&lt;/em&gt; aber nur eine Fraktur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Worin aber liegt nun Skrjabins Geheimnis seines eigenen Übermorgens? Sie liegt im eigentlichen Urmoment des &lt;em&gt;Mysteriums&lt;/em&gt;, nämlich in der Not des Apokalyptischen, auf welche hin das &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; geschaffen werden sollte. Apokalypse bedeutet in ihrem originären Sinne „Entschleierung“ (altgriechisch von ἀποκάλυψις, &lt;em&gt;apokalypsis&lt;/em&gt;; Entschleierung, Enthüllung oder Offenbarung), markiert also das epistemische Moment der Unverborgenheit von Wahrheit schlechthin, jedoch aus jener Prinzipal-Not verstanden, welcher erst die Hebung des Schleiers der Weltlichkeit von Welt das gebotene Heil bringen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wahrheit im apokalyptischen Sinne ist folglich immer schon über sich selbst hinaus, ist &lt;em&gt;trans se ipsum&lt;/em&gt;, denn sie verwirklicht sich selbst immer erst vom Ende aller Dinge her. Wahrheit ist „eschatologisch“ (altgriechisch von τὰ ἔσχατα, &lt;em&gt;ta éschata&lt;/em&gt;; die äußersten Dinge, die letzten Dinge), denn ihre Unwiderlegbarkeit bewährt sich nur im Letzten. Dies gilt im Übrigen auch für Christus, der sich als der Gesalbte Gottes erst vollends entbergen und bewahrheiten kann bei seiner Wiederkunft τὰ ἔσχατα.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;fuehrung&quot;&gt;Ich bin ein Nichts, ich bin ein Spiel, ich bin die Freiheit, das Leben, ich bin eine Grenze, ich bin ein Gipfel, ich bin Gott.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die paradoxe Unverfügbarkeit des &lt;em&gt;Mysteriums&lt;/em&gt; lag somit immer schon in seiner soteriologischen Ausgerichtetheit, die selbst bei Skrjabins tatsächlicher messianischer Erwähltheit sich nur aus jener Not ermöglichen wird, welche das Werk des &lt;em&gt;Mysteriums&lt;/em&gt; selbst in ein Heil transzendiert, das zwangsläufig größer ist als jede Absicht es zu evozieren. Denn es entwächst nicht bloß der Prinzipial-Not, sondern ereignet sich überhaupt erst von der zeitlich alinearen Vollendung her. Das &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; musste also nicht nur misslingen, um posthum zu gelingen, sondern um vom Ende jeder möglichen Un-Not ermöglicht sein zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ist damit über Skrjabins Geheimnis bereits alles gesagt? Nein, denn in der apokalyptischen Not deutet sich uns an, gemäß welcher Notwendigkeit des Poietischen das &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; zu verwirklichen sein wird. „Poiesis“ bezeichnet das Schaffen (altgriechisch von ποίησις, &lt;em&gt;poiesis&lt;/em&gt;; das Schaffen, Machen, Verfertigen), das heißt die Kraft, welche im Werk gebärt und erzeugt. Das &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; war also daraufhin angelegt, aus der Not in eine Notwendigkeit umzuschlagen, welche die Wendenot zur Poesie dieser Bewegung machen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Skrjabins Poesie lag dabei in der Flexion in die Hoffnung der Musik, konkreter in eine soterische Synpoesie des entschleiernden Klangs, also eine Zusammen- und Mit-Verdichtung der apokalyptischen Tonalität (altgriechisch von σύν-, &lt;em&gt;syn-&lt;/em&gt;; zusammen und mit).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kennzeichen dieser skrjabin’schen Synpoesie sind einerseits das Paradox, die sich dem rein Begreiflichen entzieht; andererseits die Notwendigkeit alles Unbegreifliche musikalisch zu poetisieren, denn die Musik musiziert sich selbst, so wie die Dichtung sich selbst dichtet. Ferner ihre Progressivität in das Offene, denn Skrjabins Musik schafft im Freien und Spontanen, aber auf das eine, wenngleich unverfügbare &lt;em&gt;telos&lt;/em&gt; der Erlösung hin. Diese Unvollendetheit vollendet sich selbst dann in der adäquaten Paradoxie des Fragments. Die Nähe zur Universalpoesie Schlegels und Novalis’ klingt unüberhörbar an.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Skrjabins &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; war also niemals darauf hin angelegt, vollendet zu werden, denn die Apokalypse wird sich selbst erst im Bruch der möglichen Unmöglichkeit schaffen. Die letzte Werdungszeit war und ist das Unwerden im Fragment, das uns Betroffene selbst herausfordert, daran mitzudichten, mitzuhören und mitzukomponieren, genau so, wie Skrjabins kollektive Ekstase dies auch vorsah. Das &lt;em&gt;Mysterium&lt;/em&gt; war und wird somit immer nur Aufforderung für uns alle sein, uns selbst zu mystizieren, hat im Letzten also theotischen Charakter, denn es will die Vergottung aller (altgriechisch von Θέωσις, &lt;em&gt;Theosis&lt;/em&gt;; Vergöttlichung, Vergottung), die ihm ausgesetzt sein werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir rechnen das Geheimnis Skrjabins damit insgesamt zur &lt;em&gt;noblesse rebelle&lt;/em&gt;, denn der Adel der Apokalypse revoltiert in seinem Œuvre in poetischer Freiheit; und die Revolte des Göttlichen veredelt darin die Auflehnung gegen alles Unapokalyptische, Nicht-Soterische, Amystische und Nicht-Theotische. Skrjabins soterische Synpoesie im zweiträchtigen Akkord der Apokalypse war seine &lt;em&gt;noblesse rebelle&lt;/em&gt;, die sich nur erfüllen konnte, insofern sie sich erfüllt haben können wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Skrjabin ist einer von uns, die wir Schicksal im Auge haben. Er ist mit Christus mitten unter uns, wo seine rettende Mit-Dichtung durch unsere Sphären klingt, von seinen &lt;em&gt;Préludes&lt;/em&gt; über seine 3. Sinfonie &lt;em&gt;Le Poème Divin&lt;/em&gt; bis hin zur Unsagbarkeit des &lt;em&gt;Mysteriums&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Jan Juhani Steinmann</dc:creator></item><item><title>Stigmata (1999)</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/stigmata/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/stigmata/</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Das Christentum ist keine Religion der Körperlichkeit&lt;/span&gt;. Durch das Opfer Jesu und dessen Auferstehung verliert der Körper seine spirituelle Bedeutung. Die Beschneidung des Fleisches im Judentum als Merkmal für die Verbindung von Gott und Mensch wird im Christentum internalisiert bzw. ver-Geist-licht. Das Handeln im Sinne Gottes bzw. Jesu steht an vorderster Stelle; dieses Im-Sinne-Von lässt sich jedoch auch als ein So-Wie auslegen, womit man von der Repräsentation zur &lt;em&gt;imitatio&lt;/em&gt; gelangt. Die Handlungen Jesu zu imitieren bzw. zu wiederholen, führt drei verschiedene Arten der Körperlichkeit in das Christentum ein. Die Askese und das Märtyrertum erlauben die korpo-reale &lt;em&gt;imitatio&lt;/em&gt;, indem sie durch Repetition die Leiden Jesu nacherleben. In beiden Fällen handelt es sich zwar dabei um eine extern auferlegte Bürde, für die man sich jedoch freiwillig entschließt. AsketInnen und MärtyrerInnen entscheiden sich aus eigenem freiem Willen für diese Tortur, die im Falle der MärtyrerInnen die Kreuzigung Christi analogisiert und damit eine gottverlassene und seelisch wie körperlich qualvolle Erfahrung darstellt. Gleichzeitig muss man sich die Frage stellen, inwiefern diese Art der &lt;em&gt;imitatio&lt;/em&gt; einer treffenden Exegese des Christentums entspricht, da die Menschheit durch den Tod Christi am Kreuz bereits erlöst worden ist und diese Leistung deshalb keine Wiederholung in Form des Märtyrertums verlangt. Dass das Leiden im Christentum einen hohen Stellenwert hat, ist sicherlich unbestreitbar, jedoch oszilliert der Umgang damit immer zwischen einer dadurch ermöglichten Nähe zu Gott und der Hoffnung bzw. dem Glauben, von diesem erlöst worden zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stigmata sind die dritte Möglichkeit der &lt;em&gt;imitatio&lt;/em&gt;, die sich jedoch von den ersten beiden unterscheidet, indem sie keine Freiwilligkeit voraussetzt. Im Gegenteil ist es vielmehr das unerwartete Auftauchen der Stigmata, welches u.a. konstitutiv für die &lt;em&gt;imitatio&lt;/em&gt; ist. Trotz dieser Unterscheidung scheint die vorangegangene Kritik, ob diese Art des Leidens einer Wiederholung bedarf, auch bei den Stigmata gerechtfertigt. Inwiefern ist die Erfahrung des Leids Jesu am Kreuz eine Affirmation des Glaubens? Wenn Jesus für die Erlösung der Menschheit gestorben ist, kann sie über erneutes Leiden nicht ein weiteres Mal erlöst werden. Gleichzeitig ist den Stigmata nicht nur die Kreuzigung Jesu als Bedeutung eingeschrieben, sondern auch seine Auferstehung, da sie dem Apostel Thomas als Beweis dienen. Stigmata sind also nicht nur mit dem Leiden Jesu verbunden, sondern (be-)weisen auch auf seine Auferstehung hin. Die Stigmata werden zum Aus/Eindruck des Göttlichen, womit die fleischlichen Wunden zwischen dem Körperlichen und Figürlichen oszillieren. Die Stigmata sind eine Liebeswunde Gottes, die sich zwar korpo-real manifestieren, jedoch metaphorisch gelesen werden müssen. Es ist eine Inversion der christlichen Transsubstantiation, in der die Hülle Gottes sich verändert bzw. die Akzidenzien von Brot und Wein gleichbleiben, deren Substanz sich jedoch verändert. Damit sind Brot und Wein nicht metaphorisch zu lesen, sondern als tatsächlicher Leib und Blut Christi. Bei den Stigmata verhält es sich umgekehrt, insofern als dass die Wunden tatsächlich die physische &lt;em&gt;imitatio&lt;/em&gt; Jesu sind, diese Körperlichkeit jedoch über die figürliche Bedeutung hinwegtäuscht. Die Stigmata sind also eine körperliche Metapher, die Immanenz vorspielen, aber eigentlich Transzendenz repräsentieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier eröffnet sich eine unerwartete Parallele zum Medium Film, das ebenfalls über seinen Realismusanspruch bzw. -effekt eine Immanenz vorspielt – sich als abgeschlossen gibt – um in die Transzendenz zu verhindern. Die Abdrücke des Lichts, die auf dem Filmstreifen eingebrannt werden, sind die physischen sowie physikalischen Evidenzen, die die transzendente Erfahrung kaschieren. Der Film generiert nicht wegen, sondern trotz seines Realismus Transzendenz. Realismus scheint im Film &lt;em&gt;Stigmata&lt;/em&gt; (1999) von Rupert Wainwright keine oberste Priorität zu haben. Die Historizität des Films offenbart sich nicht nur in einem ekstatischen Schnittgewitter, in dem stakkatoartig zwischen verwackelten Nahaufnahmen hin und her geschnitten wird und Actionszenen fragmentarisch über die Leinwand flimmern, sondern auch in seiner künstlichen Farbgebung, die sich mit ihren überstilisierten Kontrasten an einer MTV-Ästhetik orientiert. Diese Hyperkünstlichkeit steht diametral zur Ratio des Priesters Andrew Kiernan, gespielt von Gabriel Byrne, der seinen Beruf als Wissenschaftler aufgegeben hat und jetzt im Auftrag der Kirche Wunder auf ihre Glaubwürdigkeit bzw. Echtheit überprüft. Paradoxerweise ist seine Aufgabe keine der Bestätigung, sondern lediglich eine der Entkräftung, womit er eigentlich ein Negativum beweisen soll, nämlich, dass es sich bei den Phänomenen nicht um göttliches Wirken handelt. Doch genau in diesem Punkt ist &lt;em&gt;Stigmata&lt;/em&gt; zutiefst religiös, da er versteht, dass der Glaube sich auch über eine Nicht-Beweisbarkeit konstituiert, weshalb lediglich ein „Es-ist-kein-Wunder“ bestätigt werden kann, welches jedoch nicht den Umkehrschluss zulässt. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Stigmata, deren Körperlichkeit, sprich ihr positivistisches Element, keineswegs als Offenbarung bzw. Beweis für Gott herangezogen werden können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gleichzeitig vertraut der Film nicht auf seinen eigenen Glauben und gibt sich einer postmodernen Skepsis hin, die den empirischen Beweis braucht, um zu glauben. Die Friseurin Frankie Page, gespielt von Patricia Arquette, zieht mit ihren Stigmata die Aufmerksamkeit des Vatikans auf sich, welcher zur Überprüfung Kiernan schickt. Die Male sind jedoch nicht nur Liebeswunden, sondern, ganz der Horrorkonvention entsprechend, steht das fleischliche Leiden im Vordergrund. Der Glaube muss in der Postmoderne externalisiert werden, da im digitalen Zeitalter eine grundlegende Skepsis vorherrscht, die eine Innerlichkeit nicht akzeptiert. Doch hier beißt sich die postmoderne Schlange in den Schwanz, da selbst der körperliche Beweis, nur noch ein Verweis auf einen weiteren Verweis ist. Die Stigmata, unter denen Frankie leidet, sind kein direkter Verweis auf Jesus. Stattdessen wird sie vom Geist eines toten Priesters heimgesucht, der mit Hilfe eines Apokryphs die Institution Kirche entmachten will und eben unter den Stigmata litt. Die Stigmata Frankies werden so zum Verweis eines Verweises auf einen Verweis. Das Zitat Jesu wird zum „floating signifier“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Film &lt;em&gt;Stigmata&lt;/em&gt; eröffnet eine kritische Perspektive auf die Darstellung des Transzendenten in der postmodernen Kultur. Er balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen körperlicher Präsenz und metaphysischer Bedeutung. In einer Welt, die von digitaler Skepsis geprägt ist, wird der Körper zum Schauplatz spiritueller Beweise, doch selbst diese physischen Manifestationen lösen sich in einer Kette von Verweisen auf. Die postmoderne Kondition, die sich im Film spiegelt, transformiert somit die religiöse Erfahrung in ein komplexes Zeichenspiel, in dem die direkte Verbindung zum Göttlichen zunehmend fragil erscheint. Diese Entwicklung stellt nicht nur die Darstellbarkeit des Transzendenten in Frage, sondern auch die Natur des Glaubens selbst in einer medial vermittelten Realität.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Anselm von Patmos</dc:creator></item><item><title>A Letter from the Skete</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/skete/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/skete/</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Monastic life is like a tale&lt;/span&gt;, an adventure; at times, it resembles paradise, yet it can easily evoke the likeness of hell. Each day unfolds with intensity, full of movement, never monotonous.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;We rise at four in the morning, though as monks, we are often up even earlier to pray. At four-thirty, the bell tolls, calling us to the church. There, we begin our morning prayer, lighting candles, kissing icons, bowing low, listening to hymns and singing along. In prayer, we feel even the most distant souls as if they were beside us, sharing in our gratitude to God and conversing with Him with all our hearts.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Our morning prayer lasts two hours. Immediately afterward, we have a small bite to eat and start our day’s tasks. Each monk has his own responsibilities—caring for visitors, painting icons, preparing meals, tending the garden’s fruits and vegetables, making soap. The monastery farm is alive with vibrant colors, hosting plants of every kind. With the natural and organic products we yield, we offer aid to some local families.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Monastic life provides endless options; every day we learn something new. At one in the afternoon, we gather in the church for a brief prayer time, followed by our communal lunch. Our saints advise silence during meals, so one of the brothers reads a sacred text, filling our hearts with tranquility as we listen. These readings are never monotonous; they provide a profound peace.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;After lunch, we say a one-minute prayer together, and the brother responsible for that day’s dishes cleans up. Following lunch, we may rest or return to our assigned tasks. Shortly after, we come together again for evening prayer, lasting an hour to an hour and a half. Here, we thank God and chant the hymns of the saint of the day. These hymns inspire us deeply, as each one tells of the lives of the saints, reminding us of the limitless strength within each human being.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Through the saints’ lives, we learn that every person is an extraordinary being, created for goodness. Their struggles teach us how spiritual life can be woven into our existence. To “transform” every evil into beauty—seeing even challenges as opportunities—shows us that the greatest battles and the highest victories are found in beauty.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;After evening prayers, we may have a night service or a meeting. On quieter nights, we retreat to our cells to reflect on the day’s journey: tidying, reading religious books, praying. Giving thanks to God for each day’s miracles, taking account of the day, and examining our conscience—these practices nourish our spirit profoundly. Among His fresh wonders, I offer my heartfelt thanks for my brothers, praying that He always watches over them.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;During the services, it’s not always too easy to keep your mind on the prayer. If you’re chanting or reading, it’s very easy to think other things and your mind will travel to other places. Also if you’re helping at the altar, you’re busy with candles, incense or oils. Even if you’re not doing anything else but just staying up with your prayer rope, it’s difficult to keep your mind on the words which you hear. So it’s a perpetual spiritual war with our minds, our thoughts. Because everything – even sins – starts in our mind at first;  and only afterwards do we see the result on our bodies.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;And at night, when I went to my cell after a long day, I’m all alone, just God and me. Maybe this is one of the most difficult parts of our life. Because whatever you did, whoever you saw during the day, at the end you’re all alone. Not any family member, not any friends or any beloved person. If you’re competent enough to deal with it, and if you’re worthy to call God to your cell, your cell can be heaven, otherwise you can handily turn to a cinch of the Satan.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>an Anonymous Brother from the Holy Mountain</dc:creator></item><item><title>Die Melancholie der Meere</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/meere/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/meere/</guid><pubDate>Fri, 10 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Das Meer ist ein Gedanke Gottes&lt;/span&gt;, den niemand zu Ende gedacht hat.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Johannes von Ohrid</dc:creator></item><item><title>Das Dorffest 2026</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/dorffest/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/dorffest/</guid><pubDate>Sat, 04 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Am &lt;strong&gt;Samstag&lt;/strong&gt; war es wieder so weit&lt;/span&gt;.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Augustinus Glastoniensis</dc:creator></item><item><title>Sommerfest im Juni</title><link>https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/sommerfest/</link><guid isPermaLink="true">https://gnadenthal-magazin.pages.dev/de/sommerfest/</guid><pubDate>Sat, 20 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate><content:encoded>&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;auftakt&quot;&gt;Das Wetter hielt&lt;/span&gt;. Ausnahmsweise.&lt;/p&gt;
</content:encoded><dc:creator>Johann vom Gespaltenen Felsen</dc:creator></item></channel></rss>