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GNADENTHAL

Poetheologisches Onlinemagazin

GNADENTAL

Der Weg nach Aulie-Ata

Wir alle suchen den Zugang zum Gnadental, zum Aulie-Ata, dem Ort, an dem das ewige Licht das Irdische für einen Moment überwindet und man das Universum spüren kann und staunt über seine Weite und Schönheit. Die Zugänge sind verschieden und nur wenigen erreichbar, doch die Menschen haben zu allen Zeiten den Eintritt gesucht: im archaischen Ritual und im Tieropfer, in den Mysterienkulten der Antike, in der ewigen Flamme der Zoroastrier, im Rauch des Thuribulums, im Tanz der Derwische und in den künstlichen Paradiesen der Décadence. Die Welt ist voller Ruinen der Versuche vergangener Epochen: wir finden ihre Spuren in der Alhambra und am Berg Lykaion, in den Feuerschreinen des Atash Behram, in den Höhlen der Wüstenväter, im Rot der Kali-Altäre und in den Seufzern aus den Skiten.

Die Suchenden haben dabei viele Namen: Sie heißen Echnaton und Mani, Rumi und Elagabal, Areopagita und al-Halladsch, später dann Johannes vom Kreuz, Meister Eckhart, Huysmans und Seraphim Rose, doch das sind nur Namen ein und desselben Prinzips. Vielleicht wurde manchen der Zugang gewährt und wir konnten einmal die andere Luft atmen; doch irgendwann schließen sich die Tore und wir werden den Rest unseres irdischen Daseins damit verbringen, den Weg zurück ins Aulie-Ata zu suchen. Die Welt wird uns grausam und gleichgültig, die anderen Menschen fremd: Sie werden von unserer überreizten Sensibilität und von unseren mystischen Verirrungen sprechen, verständnislos, denn sie kennen nicht das Gnadental.

Johannes von Ohrid,
Herausgeber