Das Christentum ist keine Religion der Körperlichkeit. Durch das Opfer Jesu und dessen Auferstehung verliert der Körper seine spirituelle Bedeutung. Die Beschneidung des Fleisches im Judentum als Merkmal für die Verbindung von Gott und Mensch wird im Christentum internalisiert bzw. ver-Geist-licht. Das Handeln im Sinne Gottes bzw. Jesu steht an vorderster Stelle; dieses Im-Sinne-Von lässt sich jedoch auch als ein So-Wie auslegen, womit man von der Repräsentation zur imitatio gelangt. Die Handlungen Jesu zu imitieren bzw. zu wiederholen, führt drei verschiedene Arten der Körperlichkeit in das Christentum ein. Die Askese und das Märtyrertum erlauben die korpo-reale imitatio, indem sie durch Repetition die Leiden Jesu nacherleben. In beiden Fällen handelt es sich zwar dabei um eine extern auferlegte Bürde, für die man sich jedoch freiwillig entschließt. AsketInnen und MärtyrerInnen entscheiden sich aus eigenem freiem Willen für diese Tortur, die im Falle der MärtyrerInnen die Kreuzigung Christi analogisiert und damit eine gottverlassene und seelisch wie körperlich qualvolle Erfahrung darstellt. Gleichzeitig muss man sich die Frage stellen, inwiefern diese Art der imitatio einer treffenden Exegese des Christentums entspricht, da die Menschheit durch den Tod Christi am Kreuz bereits erlöst worden ist und diese Leistung deshalb keine Wiederholung in Form des Märtyrertums verlangt. Dass das Leiden im Christentum einen hohen Stellenwert hat, ist sicherlich unbestreitbar, jedoch oszilliert der Umgang damit immer zwischen einer dadurch ermöglichten Nähe zu Gott und der Hoffnung bzw. dem Glauben, von diesem erlöst worden zu sein.
Stigmata sind die dritte Möglichkeit der imitatio, die sich jedoch von den ersten beiden unterscheidet, indem sie keine Freiwilligkeit voraussetzt. Im Gegenteil ist es vielmehr das unerwartete Auftauchen der Stigmata, welches u.a. konstitutiv für die imitatio ist. Trotz dieser Unterscheidung scheint die vorangegangene Kritik, ob diese Art des Leidens einer Wiederholung bedarf, auch bei den Stigmata gerechtfertigt. Inwiefern ist die Erfahrung des Leids Jesu am Kreuz eine Affirmation des Glaubens? Wenn Jesus für die Erlösung der Menschheit gestorben ist, kann sie über erneutes Leiden nicht ein weiteres Mal erlöst werden. Gleichzeitig ist den Stigmata nicht nur die Kreuzigung Jesu als Bedeutung eingeschrieben, sondern auch seine Auferstehung, da sie dem Apostel Thomas als Beweis dienen. Stigmata sind also nicht nur mit dem Leiden Jesu verbunden, sondern (be-)weisen auch auf seine Auferstehung hin. Die Stigmata werden zum Aus/Eindruck des Göttlichen, womit die fleischlichen Wunden zwischen dem Körperlichen und Figürlichen oszillieren. Die Stigmata sind eine Liebeswunde Gottes, die sich zwar korpo-real manifestieren, jedoch metaphorisch gelesen werden müssen. Es ist eine Inversion der christlichen Transsubstantiation, in der die Hülle Gottes sich verändert bzw. die Akzidenzien von Brot und Wein gleichbleiben, deren Substanz sich jedoch verändert. Damit sind Brot und Wein nicht metaphorisch zu lesen, sondern als tatsächlicher Leib und Blut Christi. Bei den Stigmata verhält es sich umgekehrt, insofern als dass die Wunden tatsächlich die physische imitatio Jesu sind, diese Körperlichkeit jedoch über die figürliche Bedeutung hinwegtäuscht. Die Stigmata sind also eine körperliche Metapher, die Immanenz vorspielen, aber eigentlich Transzendenz repräsentieren.
Hier eröffnet sich eine unerwartete Parallele zum Medium Film, das ebenfalls über seinen Realismusanspruch bzw. -effekt eine Immanenz vorspielt – sich als abgeschlossen gibt – um in die Transzendenz zu verhindern. Die Abdrücke des Lichts, die auf dem Filmstreifen eingebrannt werden, sind die physischen sowie physikalischen Evidenzen, die die transzendente Erfahrung kaschieren. Der Film generiert nicht wegen, sondern trotz seines Realismus Transzendenz. Realismus scheint im Film Stigmata (1999) von Rupert Wainwright keine oberste Priorität zu haben. Die Historizität des Films offenbart sich nicht nur in einem ekstatischen Schnittgewitter, in dem stakkatoartig zwischen verwackelten Nahaufnahmen hin und her geschnitten wird und Actionszenen fragmentarisch über die Leinwand flimmern, sondern auch in seiner künstlichen Farbgebung, die sich mit ihren überstilisierten Kontrasten an einer MTV-Ästhetik orientiert. Diese Hyperkünstlichkeit steht diametral zur Ratio des Priesters Andrew Kiernan, gespielt von Gabriel Byrne, der seinen Beruf als Wissenschaftler aufgegeben hat und jetzt im Auftrag der Kirche Wunder auf ihre Glaubwürdigkeit bzw. Echtheit überprüft. Paradoxerweise ist seine Aufgabe keine der Bestätigung, sondern lediglich eine der Entkräftung, womit er eigentlich ein Negativum beweisen soll, nämlich, dass es sich bei den Phänomenen nicht um göttliches Wirken handelt. Doch genau in diesem Punkt ist Stigmata zutiefst religiös, da er versteht, dass der Glaube sich auch über eine Nicht-Beweisbarkeit konstituiert, weshalb lediglich ein „Es-ist-kein-Wunder“ bestätigt werden kann, welches jedoch nicht den Umkehrschluss zulässt. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Stigmata, deren Körperlichkeit, sprich ihr positivistisches Element, keineswegs als Offenbarung bzw. Beweis für Gott herangezogen werden können.
Gleichzeitig vertraut der Film nicht auf seinen eigenen Glauben und gibt sich einer postmodernen Skepsis hin, die den empirischen Beweis braucht, um zu glauben. Die Friseurin Frankie Page, gespielt von Patricia Arquette, zieht mit ihren Stigmata die Aufmerksamkeit des Vatikans auf sich, welcher zur Überprüfung Kiernan schickt. Die Male sind jedoch nicht nur Liebeswunden, sondern, ganz der Horrorkonvention entsprechend, steht das fleischliche Leiden im Vordergrund. Der Glaube muss in der Postmoderne externalisiert werden, da im digitalen Zeitalter eine grundlegende Skepsis vorherrscht, die eine Innerlichkeit nicht akzeptiert. Doch hier beißt sich die postmoderne Schlange in den Schwanz, da selbst der körperliche Beweis, nur noch ein Verweis auf einen weiteren Verweis ist. Die Stigmata, unter denen Frankie leidet, sind kein direkter Verweis auf Jesus. Stattdessen wird sie vom Geist eines toten Priesters heimgesucht, der mit Hilfe eines Apokryphs die Institution Kirche entmachten will und eben unter den Stigmata litt. Die Stigmata Frankies werden so zum Verweis eines Verweises auf einen Verweis. Das Zitat Jesu wird zum „floating signifier“.
Der Film Stigmata eröffnet eine kritische Perspektive auf die Darstellung des Transzendenten in der postmodernen Kultur. Er balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen körperlicher Präsenz und metaphysischer Bedeutung. In einer Welt, die von digitaler Skepsis geprägt ist, wird der Körper zum Schauplatz spiritueller Beweise, doch selbst diese physischen Manifestationen lösen sich in einer Kette von Verweisen auf. Die postmoderne Kondition, die sich im Film spiegelt, transformiert somit die religiöse Erfahrung in ein komplexes Zeichenspiel, in dem die direkte Verbindung zum Göttlichen zunehmend fragil erscheint. Diese Entwicklung stellt nicht nur die Darstellbarkeit des Transzendenten in Frage, sondern auch die Natur des Glaubens selbst in einer medial vermittelten Realität.

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