“Nothing could persuade me that this world is not the fruit of a dark god whose shadow I extend.”
— E.M. Cioran, The New Gods
Die Herrscher des Erdstalls saßen zwischen den Quitten und schwiegen: Es war ein chinesisches Jahrhundert, in jenen alten Tagen, als das Wünschen noch geholfen hat. Ein grausamer General, den man den „Tumor in Menschengestalt“ nannte, brach die Stille; ein sensibler Mensch und ein akribischer Sammler von Erinnerungen, dessen grausame Taten über die Folklore der Göktürken bis zu den germanischen Stämmen des Karpatenbeckens vorgedrungen waren, wo sie Stoff wurden für das Epos von demjenigen, der die Tiefe sah, dessen abscheulicher Held „Quidam“ genannt wurde — ein Name, der bei den furchtsamen Krimgoten bis heute Unbehagen auslöst, wenn er laut ausgesprochen wird.
„Das Meer, das Feuer und die Frauen“, sagt er, „drei Übel…“, während er sich in den Armen seiner Geliebten die Pfeife anzündet und seinen Blick über die Wogen des südchinesischen Meeres schweifen lässt. Der sanfte Strom der Erinnerung führt ihn zu den frühen Treffen seiner Kabale und zurück in jene Jahrhunderte, in denen sie unaufhörliche Kriege gegen den Kaiser und die Seinigen geführt hatten, um der trostlosen Welt der Materie durch physische und philosophische Konfrontation ein Ende zu setzen. Quidam gedachte seiner toten Feinde, die seiner Bruderschaft den spöttischen Namen „White Lotus School” gegeben hatten, und seiner toten Freunde, der berüchtigten Skopzy, über deren kindergleiche, unheimlich verunstaltete „weißen Tauben“ die ganze Welt staunte: Er erinnerte sich, wie sie am selben schattigen Platz bei den Quitten gemeinsam einen höhnischen Brief an den König der Tres Daciae verfassten und wie sie bei einer ihrer Reisen über ebenjenes Meer die stolzen mohammedanischen Verehrer von Termagant gequält und gedemütigt hatten, welche ihre Marter tonlos ertrugen; wie seine Miliz eine Gruppe von Hindu-Brahmanen in der Hitze Varanasis stellte, um sie auf das Samsara-Leidensrad zu flechten, und wie sie an einem anderen, etwas kühleren Tag alle in Andacht versammelt und in kalte Kamelhaardecken gehüllt zum Glimmen von dunklem Harz erschauderten, als sie bei einer Lesung aus den Flugschriften der Heiligen Helena hörten, dass der gesamte Erdball mit Splittern des Kreuzes des Kyrios übersäht sei.
Quidam lehnte sich zur Seite, um für einen Augenblick den Anblick seines Hortus deliciarum zu genießen und um sich im Gesicht seiner Mätresse zu verlieren, in dem er jetzt die Züge der Helena erkannte, und die Züge ihres unglücklichen leiblichen Bruders, der in Quidams Händen die Rosenfolter und die Eleven Pains of Hell erlitten hatte… Die eigenen Sinne zunehmend durch die Tränen des Mohn sensibilisiert, entging ihm nicht ihr leises Stöhnen, das sich in seinen überreizten Hirngewinden bald mit dem fiebrigen Quietschen der sogenannten „Causeway Bay Abductions“ verband, einem Glanzstück der White-Lotus-Verschwörung; und eine besondere Formulierung aus dieser Zeit kam ihm in den Sinn: „Das ewige Mysterium der Präferenz; oder das Rätsel des Begehrens“, seufzte er vor sich hin und gedachte seiner ersten Ehefrau, die er einst aus dem Wüstenstaub der mongolischen Steppe oder aus einem der kasachischen Khaganate zu sich geholt hatte; eine breitgesichtige Pferdefleischliebhaberin mit nässendem Ausschlag an den Schenkeln, deren Appetit sich ihm niemals zur Gänze erschließen sollte; rododaktylisch und jeden Morgen in bitteren Tränen gehüllt, bis sie sich endlich dazu entschlossen hatte, ihr laktierendes Organ mit einem Paar angesengter Nadeln zu besänftigen. Ihrem hysterischen Lachen und jenem Widerhall durch die Kammern des Erdstalls nachhängend wuchs in Quidam jetzt der tiefe und aufrichtige Wunsch, das Leiden auf dieser Welt zu vervielfachen, an das sich die Rezeptoren seiner Netzhaut so sehr gewöhnt hatten: Am Ende der ewigen Nacht, unter dem gedimmten Licht des Lampenschirms an jenem windstillen Ort zwischen den Quitten hatten Quidam und die Herrscher des Erdstalls beschlossen, einen weiteren, letzten Großen Aufstand zu beginnen, der das ganze Land in ein Schlachthaus und unzählige glückliche Familien in menschliche Seife verwandeln sollte.
Die Ereignisse, die auf diesen letzten Großen Aufstand folgten, sollten auf ewig Rätsel bleiben in den Chroniken der Weißen-Lotus-Schule – ein Enigma, das später den Forschungsgeist von Kolonialphilosophen über Länder und Jahrhunderte hinweg fesseln und selbst die brillantesten Gelehrten heillos hineinziehen würde in jenes berauschende Dreieck aus Tee, Opium und Parfum, dem sie – wie schon ihre unglücklichen Vorfahren – bis ans Lebensende nicht entkommen würden.
Aus dieser sogenannten „Forschungstradition“ ging schließlich ein jahrzehntelanger Strom trockener und mit Fußnoten verminter Untersuchungen hervor, der letztlich kluge Köpfe wie Alfred Döblin oder Martin Buber jeglicher akademischen Selbstachtung berauben würde – allesamt elend daran scheiternd, zu begreifen, was mit dem Weißen Lotus nach dem Großen Aufstand geschah, und wie sie aufgehört hatten zu existieren.
In den gnostischen Zirkeln der südlichen Provinzen hingegen wussten auch die Türhüter und ihre debilen Gehilfen zu berichten, dass Quidam und sein Konklave bei ihrem Marsch auf die City of Darkness – plötzlich geschlagen von der unendlichen Traurigkeit des Rebellen – der Aufstände und der Morde müde wurden, der Enthauptungen und der Lingchi-Folter, der niedergebrannten Dörfer und der Menschenpyramiden, der weinenden Kinder und der stillen, kollektiven nächtlichen Selbsttötung in den eigenen Reihen; und dass sie auf der Ebene von Zaiton das Kreuz schlugen und sich von ihren Pferden fallen ließen, um sich dort unten zwischen Aas und Kriechtier gemeinsam einem neuen Verfahren zuzuwenden, das die Welt mit ihrem Dualismus unterjochen sollte: In den folgenden Wochen würden sich eine Handvoll Quidams engster Berater in den Untergrund zurückziehen, um sich unter Namen von obskurer und dunkler Bedeutung neu zu formieren – Die neuen Gruppierungen hießen etwa Wukong jiao („Bewusstsein für die Leere“), Luodao jiao („Arhet-Weg“) und Wenxiang jiao („Derjenige, der den Duft empfindet“), wobei die seltsamen Irrwege ihrer zerklüfteten Psychogeographien sie in die Nähe jener Idee führten, von der sie Jahrhunderte zuvor bei den effeminierten orthodoxen Hesychasten gehört hatten, und die ein schmächtiger blonder Kolonialphilosoph viele Jahre später als Theōsis missverstehen würde: Von dem Zeitpunkt des Zaitonerlebnisses an verfolgte der Weiße Lotus eine neue Praxis, die die Menschheit mithilfe einer Methode der Nanjing Decadence aus ihrer tierwarmen Fleischhülle befreien sollte: Sie mazerierten Quittenschalen mit der Essenz einer zarten Pflanze, die man damals „Buddhas Hand“ nannte, gossen den Ansatz mit dem Grabwasser ihrer Ahnen auf, und ließen darin Splitter vom Holz des heiligen Amberbaumes ziehen, bis sich eine dunkelrote Flüssigkeit abseihte, die man in Flakons aus Hetianjade füllte und still unter den Menschen zirkulieren ließ, um die gesamte Welt in einen Schleier der Erinnerung und der Ungewissheit zu hüllen…
Folgt man Pounds verstörendem Bericht aus Cathay; oder die Leiden der Chinesen in China (1915), so soll diese erste Charge der White-Lotus-Flakons einen nekrotischen Dunst verströmt haben, der die Hüter der Ordnung der Dinge bis heute heimsucht: Eine olfaktorische Absage gegenüber der materiellen Welt; oder ein Messer, das am Weltfleisch schneidet – ein einziger Sprühstoß genügend, um die Innenwelt der Außenwelt in permanente, nervöse Aufruhr zu versetzen; von einer unglücklichen Seele inhaliert, dazu imstande, die Knochen von Familienvätern mit Schaum zu füllen und rechtschaffene Bürger in ewige Feinde des Reiches und seiner Herrscher zu verwandeln.
Dieses eher ungewöhnliche Manöver kann gemeinhin als Erfolg gewertet werden, und laut Forschungskonsens prägen die Folgen der White-Lotus-Operation bis heute wesentliche Aspekte des Daseins und der nervösen modernen Welterfahrung, doch selbst nach Jahren fruchtbaren Diskurses und pedantischer Streitigkeiten über Fußnoten konnte keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden werden, wie jener berüchtigte Duft unter einem so trivialen Namen wie „Winterpalast“ bekannt werden konnte.
Viele Jahre später wird ein blasser Kolonialgelehrter, der gerade ein Sanatoriumscafé in Kierling bei Wien verlassen hat – leise seufzend und von derselben Sehnsucht nach den dunklen und aufregenden Mysterien Chinas erfüllt, die einst schon seine Vorfahren verdorben hatte – mit einem Hauch von Winter Palace am Hemdkragen seinem gequälten, vom Schicksal geschlagenen Gesprächspartner endlich eine brauchbare Antwort auf die viel diskutierte Frage geben:
„Es ist ganz einfach“, sagte er. „Sie waren Rebellen … Räuber, die im Dunkeln agieren; … und bedenke, mein Lieber: Im Winter, da geht die Sonne früher unter.“

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