



Sobald ich mein Doppelzimmer betrete, nachdem ich durch die dunklen Gänge schreitend, die einmal Krankenhausflure gewesen sind, durch die sich Kranke, die vielleicht Wochen zuvor noch anregende Gespräche im Kreuzgang geführt hatten, eingehakt unter den Arkaden schreitend und sich über Neoplatonismus, Mystiker & die Waldenser unterhaltend, nach der Hospitalisierung nun eingehakt unter ihren Geliebten und in ehrfürchtiger Hoffnung die Blicke der Ärzte suchend, um durch dutzende devoter Gesten und Gesichtsausdrücke auf ihr Schicksal einzuwirken stumm ihre unendliche minutiöse Leidensarbeit verrichteten, die Flure betrachtet hatte, die jetzt bar jedes Patienten mit Fotos vom Heiligen Vater, von lachenden Kindern, mit Lourdeswasser und Figuren des hl. Franziskus dekoriert waren, konnte ich die Luft atmen, die man nur in Krankenhäusern und in Klöstern atmen kann; die man in der Kindheit atmet, von der Mutter alleine in ein Internat gebracht, lange bevor alle anderen kommen werden, und später in der Kaserne, in einer Art Utopos oder Eutopos, der nichts mehr hat, das einen in der Fremde an das Eigene erinnert; in den unendlichen Momenten, bevor man das Fenster öffnet und das alte Licht das Kreuz und die Marienfigur bescheint, kann man Generationen von Einsamkeit atmen: es gibt ein Pneuma, das man erwartet, auf das man sich vorbereitet und das man kultiviert, täglich leise Hymnen singend, stündlich betend; und es gibt ein anderes, das einen ganz unvermittelt erreicht, die Lungenflügel mit aller Erdenschwere und Weltenlast füllend, das den Atmenden für einen Augenblick alles Leid und alle Schönheit der Welt spüren lässt.
Spoleto, Umbrien, 1. September 2023




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