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GNADENTHAL

Poetheologisches Onlinemagazin

Heilige Prostitution

Ein poetheologisches Märchen

Mona Salva

Auf Montsalvat, der Burg, in der die Räume schwanken, stahl sich eine junge, schöne Dirne einst in die Gemächer ihres Königs und gab sich ihm als Freudenmädchen hin. Er besaß sie mit einem unstillbaren Durst nach ihrem Körper und zahlte ihr für ihre Dienste eine Handvoll funkelnder Rubine.

Geschützt von den tiefen Falten ihrer Gewänder, hütete das Mädchen des Hades Gruß an sie, wie einen Schatz von hohem Wert, den man nur besitzen muss, sodass er seine Macht entfaltet, trug sie ihn in einem Tuch zum Beutel gerafft, stets nah an ihrer Brust.

Etwas hatte sich verändert, seitdem sie sich dem Gralskönig hingegeben hatte. Wann immer Ritter, die ihren Weg in die Grotte von Montsalvat fanden von nun an ihren Durst an ihr stillten, so gab sie ihnen ein unaussprechbares Geheimnis mit. Die tapferen Gralssuchenden, die es in die Tiefen des Schlosses verschlug, berauschten sich an ihr wie an schwerem Wein und wenn sie wieder von dannen zogen, waren sie verändert. Rüstiger, mit einem Geheimnis, unaussprechlich wie das der Sphinxen, das sie stärkte, doch sie konnten nicht sagen, warum.

Wie sich dieses Wissen, das man Erotik nennt, vermehrt, versteckt sich in der Allegorie der lodernden Kerze. Es offenbart sich, da man lange in die tanzende Flamme geblickt hat. Wie lange? Lange genug, um darin die Frau mit wogenden Hüften zu sehen, oder jene andere, die man einmal flüchtig und rauschend auf einem Fest im Augenwinkel sah, da man sie auf Festen immer sieht. Ob sie diesmal wirklich ist? Hunger, Durst und Müdigkeit haben die Vernunft mürbe gemacht.

Da gab es schon solche, die dachten, hinter der schlanken Flamme weile Isis, wie hinter blutendem Schleier, die funkelnde Brust und fast richtet sie den Blick an dich und hebt an, mit ihrer Stimme dir das Ohr zu salben, denn sie klingt wie schmelzender Bernstein in einer ausgeraubten Krypta: Meine absolute Schwester.

Ach, wer hat mir den Gott aus den Hirschen geraubt?

Ich bin eines der Mädchen des Grals. Mein Name ist Salome und ich stehe vor dir, junger Ritter. Du bist weit geritten und es hat dich müde gemacht. Aber deine Müdigkeit ist nicht von der Natur, die eine durchschlafene Nacht als Curare hinnimmt, dir die Stirn zu erfrischen. DU bist müde geworden, wie man alt wird und jetzt stehst du vor mir. Der Zeiger der Zeit läuft in schwarzem Samt. Die Wehmut geht um, auch bei dir zieht sie durch, wie ein Schwall Sepia durch atlantische Ruinen. Langsam, dicht und …wahr.

Ich trage mein Haar mit dem purpurnen Band in den Dutt geflochten, wie es die Griechin trug, wenn sie vor Aphrodite kniete. Dich dünkt, ich sei die Silhouette einer antiken Kurtisane, wie einer Tonscherbe entstiegen. Ist dir leid um den zerbrochenen Krug, in dem man den Durst des Dionysos befeuert hat? Die Schönheit meines Körpers ist ein Geschenk an die Musen.

Ich nähere mich dir in Seidentüchern, floss fast zu dir hin: Engel, sprach ich dich an, lass uns stehen wie einen Docht und seine Tochter, eine Wendeltreppe aus Wachs.

Ich umschwebe deinen Leib, berührte dich an deiner Hand mit meinen schlanken Fingern und da sang ich mein Mädchenlachen.

Du bist Christ, doch meine Augen erinnern dich an eine Zeit, in der das Konkubinat in freier Einverständnis zwischen den Göttern und den Frauen existierte. Ich bin grazil und gelassen, wie ein attischer Frühling mit weißem Nacken. Kehre frei in meinen Schoß ein. Seine Rose ist die Deine, dir das Glied zu schmücken, sag Du zu mir, nenn mich frei wie du möchtest, Isis, Gral oder Magdalena. Ich bin dein Freudenmädchen.

Trunkenheit, die erste Fackel ist entflammt.

Mit nackten Füßen wie die Nymphen gehen, tanze ich um dich herum. Du lässt es dir gefallen und so löste ich mir einen Schleier aus dem Kleide. An seinem Saume klappern Granatsteine, wie zu erhaschende Lüste/ hängen wie Weintränen oder Wundperlen mir am Bein, schmücken mir rhythmisch die Hüfte.

Da gleitet der Schleier dir übers nackte Gesicht, über die Lider und über die Lippen/

unsere Lust ist aus derselben Wunde gefallen. Du fragst dich, wo sie liegt? Ists das Klaffen hinter dem Auge? Oder das hinter dem ersten Wort?

Benommenheit, auch die zweite Fackel brannte. Folge mir, beschwor ich dich und du folgtest mir bis an die aquarellene Schwelle, wo eines in sein Ebenbildnis fließt.

Fang die roten Perlen mit der Zungenspitze, trink wie Magdalena an Christi Leib, denn er war ihr Grab und er war ihr Garten. Das ist die kannibalische Wahrheit der Leiber, komm in die Grotte, die Leidenschaft ist des Leidens Korybant.

Es waltet ein Gott in uns, so wir begehren und jedes Mal, wenn wir uns in Sehnsucht nach jemandem verzehren, beginnen wir in diesem Durst unsere Ohnmacht vor seiner Unendlichkeit zu fühlen.

Ich bin nur eines der Mädchen, die wir da sind, dir den Weg mit wiegenden Hüften zu schnörkeln. Ich frage dich nicht, wieviele Edelsteine du dem Cheruben gezahlt hast, um in die Grotte eintreten zu dürfen. Armer Ritter! Dachtest du, der Gral sei wie der Ritterschlag, sei etwas, das man ehrlich erringt, sei wie ein Schatz für dich aufzufinden, in stummer schimmernder Hingabe, wie eine Kiste voll Pokalen, Schmuck und Münzen? Wie im Mondesschein das Muschelschmalz in der Kajüte eines Wracks am Meeresboden?

Oder glaubtest du, er sey wie Schönheit im Schleier meines Geruchs, läge wie Blütenstaub auf meinen Lippen, verstecke sich im Fließen der Gewänder, in der Rose meines Schoßes?

Erfleh dir frei den Gnadenstoß, dein Gral ist immer schon verschüttet, ausgegossen in die Luft von Montsalvat, in die Luft, die trunkne, trunkne Luft/ da die Fackeln knistern und die Mädchen schweben/ Mein Gott schaut! / Ein Engel hat sich hingegeben.

Doch das Gefühl erlischt, die Flamme vergeht.

Meine absolute Schwester,

wer hat dir den Engel aus den Harnischen geraubt?

EXPLICIT

GNADENTHAL · 2026