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Poetheologisches Onlinemagazin

Märtyrerspeisen

Joachim Bessing

In einer ihrer sommerlichen Instagram-Storys war neulich der rechte Zeigefinger von Betony Vernon zu sehen, wie er mit sanftem Druck in ein Agathentörtchen drückte. Ganz nahe dort bei einer der kandierten Kirschen, die auf der rosa glasierten Oberfläche des kuppelförmigen Gebäckstücks den Nippel symbolisieren. Der Feiertag der Heiligen Agathe ist seit jeher auf den 5. Februar festgelegt. Dass Mistress Vernon, die selbst die schönsten Brüste unter den Lebenden hat, sich Minne di Sant’Agata auch noch an anderen Tagen bringen lässt, weist auf die Kinkyness dieser Märtyrerspeise hin.

Dass jemand für seine Überzeugung lieber sterben will, als sich anzupassen, erscheint je nach gewählter Perspektive entweder töricht oder heldenhaft. Bei den Märtyrern ist es zudem die ihnen auferlegte Art und Weise, ihre Entscheidung noch zu überdenken, die den edlen Heldentod vom Martyrium scheidet. Zumindest gilt das für die frühen, die mythisch gewordenen Märtyrer. Im späteren Verlauf der Kirchengeschichte nimmt nicht bloß ihre Anzahl stetig zu, es werden nun auch überwiegend auf recht zivilisiert, meint: ohne physische Folter zu Tode gebrachte als Märtyrer deklariert. Als ein Beispiel sei hier Maximilian Kolbe angeführt, ein katholischer Priester, der sich im Konzentrationslager Auschwitz anstelle eines bei einem Fluchtversuch gefangenen Mithäftlings durch eine Phenolinjektion hinrichten ließ. Kolbe wurde 1971 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. In den frühen achtziger Jahren erfolgte dann aufgrund seines Martyriums die Ernennung zum Heiligen. Seitdem ist der Heilige Maximilian Kolbe, dessen Feiertag am 14. August begangen wird, auch Schutzpatron für unter anderem CB-Funker und Drogensüchtige. Wobei man bei beiden Attributen den Ratschluss des Heiligen Stuhles nur bewundern kann. Womöglich hat sein Martyrium durch Injektion einer chemischen Substanz das Feedback hinsichtlich Junkies hervorgerufen.

Dass der Kult um die Heilige Agathe weniger schnöde, ungleich prachtvoller, die Fantasie anregender und vor allem auch kulinarisch interessant gestaltet wurde, hat freilich mit ihrem weniger schnöde, prachtvolleren, die Fantasien seit Jahrhunderten anregenden Martyrium zu tun, dem wir, so auch Betony Vernon, letztlich die köstlichen Brusttörtchen zu verdanken haben. Es gibt solches Agathengebäck übrigens auch in der Schweiz, dort ist es—wen wundert’s—spröde und ring(li)förmig, auf dass es bloß noch abstrakt an das Symbol eines Brustpiktogramms erinnern könnte.

Es weiß ja im Grunde niemand, ob es Agathe überhaupt gab. Die gesamte Geschichte könnte genau so gut ein Fantasieprodukt sein — sogar das einer Agathe. Bekanntlich hat Mishima beispielsweise sich seit seiner Pubertät in ausschweifenden Sebastianaden ergangen. Es ist garantiert nicht zu viel behauptet, dass die von ihm letztendlich gewählte Selbsttötungsart, das Aufschneiden des unteren Bauchraums durch einen waagerecht von der Herzseite bis zur Leber hin geführten Schnitt mit dem kurzen Dolch, ihn in ein von seiner Qualqualität her mit dem Heiligen Sebastian vergleichbares Reich des Todes führen sollte. Ob aber nun der im französischen Bürgertum zur Weihnachtszeit aufgetragene Baumstammkuchen tatsächlich jenen Baum symbolisieren soll, an dem Sebastian von den Pfeilen durchstoßen wurde, wie es zuletzt noch der Monarchist Jean Raspail behauptete, und auch, ob der japanische Kodex, in dem Seppuku zentral und bis heute kaum sublimiert wirkt, etwas mit unserem Martyrium Vergleichbares überhaupt kennen kann, soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.

Am Fall der Agathe interessiert ja vor allem der Grund, dessentwegen sie zur Märtyrerin gemacht wurde. Der Legende nach war es ein Römer, der die junge Christin beschlafen wollte. Um ihren Widerstand zu brechen, zwang er sie zur Prostitution, wo es ihr trotz allem gelang, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Um sie doch noch umzustimmen, ließ er ihr daraufhin die beiden Brüste abschneiden. Da ihre Standhaftigkeit irreversibel schien, fand ihr Martyrium auf einem Rost über der Glut sein Finale, wo sie im jungfräulichen Zustand zu Tode gegrillt wurde.

Dass von dieser Symphonie der Unzumutbarkeiten das Amputieren der Brüste isoliert und zur kulturellen Überhöhung präpariert wurde, spricht von einem starken Bewusstsein für das Marketing. Nicht bloß gibt es bis heute erhaltene Gemälde von Agathe, die ihre Brüste in einem Gefäß, einem Präsentierteller und dergleichem zeigt. Es gibt auch die Kuchen. Und in früheren Zeiten, als der Reliquienhandel noch wichtig, als Kreuzfahrten noch Wallfahrten waren, gab es mit Sicherheit auch Abbilder der Agathen-Brüste aus Wachs, die den Pilgernden roadside feilgeboten wurden.

Im Mittelalter vor der Erfindung des Buchdrucks, einer ungleich die Fantasie anregenderen Zeit, war die Produktion von Kerzen und Votivbildern aus Wachs mit der Produktion von Süßwaren verknüpft. In dieser Zeit, die auch vor der Erfindung des raffinierten Zuckers siedelt, lieferten Bienenvölker sowohl Wachs wie Honig. Wer Kerzen zog, stellte auch Votivbilder her. Und als nahrhafte Speise wurden vom Lebzelter sogenannte Lebkuchen angeboten. Gut möglich, dass es einer dieser Lebzelter war, der, von der Legende des Agathenmartyriums inspiriert, sich eine frühe Form der Agathenbrüstchen ausgedacht hat. Auf Sizilien, wo, neben Kalabrien, der Agathenkult bis heute noch lebhaft begangen (und in Form dieser speziellen Mundkommunion auch gemundet) wird, wurden sehr früh schon aus Marzipan, das man von den Arabern hatte, sogenannte Frutta di Martorana hergestellt: Möglichst realistische Nachbildungen von Früchten, die man als Almosen an die Armen verteilte, die sich die Originale nicht leisten konnten. Auch Armut ist ja nichts als ein Martyrium. Allerdings würden die meisten schon gerne abschwören—allein sie wissen das Losungswort nicht.

Den Effekt aber, den die abgeschnittenen Kuchenbrüste der heiligen Märtyrerin am Gaumen der Gläubigen auslösen sollten, darf man sich ganz ähnlich vorstellen wie denjenigen der symbolischen Früchte: Das Bittere, das der Wahrheit nun einmal eignet, wird durch die Süße der Martyriumsspeise transzendiert. Für den Moment des kulinarischen Genießens, des kindlichen Zerbeißens, wie Michael Balint es nannte, schaut der in Wirklichkeit gebundene ein anderes Reich.

Der erotische Genuss der Martyrien hingegen, von dem Mishima noch profitieren konnte, wird allmählich schwierig. Die Profanisierung des ritualisierten Leidens ist vorangeschritten. Die stilbildende Kraft der katholischen Kirche kaum noch vorhanden. Selbst in Rom wurden bei den Reliquienprozessionen in jüngster Zeit die Schreine vornehmlich von afrikanischen Trägern umhergeführt, da sich selbst am Heiligen Stuhl der sogenannte Facharbeitermangel bemerkbar macht. Lediglich in den Entwicklungsländern gibt es noch Nachwuchs. Hier findet die Ware Hoffnung noch fruchtbare Absatzgebiete und auch junge Leute können sich nichts Schöneres vorstellen als ein Leben in Gott.

Vom Glauben an die Heilige Agatha werden einst wohl nur die Minne di Sant’Agata überleben. Vermutlich auch der Grund, dessentwegen ich, trotz «Körperwelten» des Gunther von Hagens selig, beim genüsslichen Abziehen der Haut eines Grillhähnchens bei City Chicken noch immer an das Martyrium des armen Bartholomäus denken muss.

Oder will?

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