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GNADENTHAL

Poetheologisches Onlinemagazin

Bocanje

Origines Adamantius

In dem Roman „Die Brücke über der Drina“ des jugoslawischen Nobelpreisträgers Ivo Andric stürzt sich die gegen ihren Willen verheiratete Braut Fata Osmanagic aus Trotz und Verzweiflung während ihres Hochzeitzuges von der weltberühmten Brücke des Mehmed Pasa Sokolovic in die kalten Fluten des Flusses Drina und damit in den Tod. Der Erbauer selbst war ein serbischer Bauernjunge, der von den Osmanen im Zuge der sogenannten Knabenlese entführt wurde, es im Laufe seines langen Lebens sogar zum Wesir brachte und seiner Heimat dieses steinerne Denkmal setzte: eine Brücke über jenen Fluss, der Okzident und Orient trennt, die ehemalige Grenze von Ostrom und Westrom, dann nach dem großen abendländischen Schisma, die Grenze zwischen Katholizismus und Orthodoxie. Als dann die Osmanen in den Balkan vordrangen, weite Landstriche eroberten und ein Teil der südslawischen Bevölkerung zum Islam überführt wurde, war die religiöse Zersplitterung dieser Region endgültig besiegelt.

Der türkischen Sprache verdanken die Jugoslawen ein Wort, das sich nur unzureichend als „Trotz“ übersetzen lässt, nämlich Inat. Dieses Gefühl mag Sokolovic dazu bewogen haben, die Brücke zu bauen, und Andric hatte es bestimmt im Sinne, als die fiktive Braut sich in die Fluten stürzt. Eben jener Inat mag auch die kroatischen Frauen und seltener auch Männer, vor allem in Bosnien, welche dem katholischen Glauben treu geblieben waren, in den vielen Jahrhunderten der osmanischen Besatzung dazu bewogen haben, an sichtbaren Stellen des Leibes wie Fingern, Händen, Unter- und Oberarmen, der Brust und sogar der Stirn christliche Ornamente mit dem Kreuz als zentralem Motiv tätowieren zu lassen. Man verwendete für diese unauslöschlichen Male einfache Nadeln und für die Tätowierfarbe ein Gemisch aus Kohle, Ruß, Honig und Muttermilch der Wöchnerinnen. Dieser Brauch wurde als „Bocanje“ bezeichnet, daher „stechen“, und die Beweggründe waren, neben gemutmaßten illyrischen Traditionen, die wohl im Dickicht der Geschichte für immer verschwunden sind, vor allem der erhoffte Schutz vor einer gewaltsamen Konversion zum Islam, vor dem Raub der Frauen und der Verschleppung der Knaben in die Einheiten der Janitscharen (jenes Schicksal, welches den Wesir Sokolovic ereilt hatte). Selbst wenn sich Solches nicht aufhalten ließ, so hoffte man doch, selbst bei Zwangsverschleppung die Bewahrung der christlichen und nationalen Identität der Entführten. Das Kreuz sollte die Kroaten an ihren Glauben gemahnen und die Initialen des Namens, welche auch oft angebracht wurden, an ihr Volkstum erinnern. Es war sicherlich auch die Verehrung der Katholiken für die Dynastie der Kotoromanic, jenes kurzlebigen bosnischen Königreiches, mit seinem enthaupteten König Stjepan, seiner Gattin, der geflohenen Königin Katarina und ihrer beiden, in die Türkei verschleppten, Kinder, welche durch diese Tätowierungen ausgedrückt werden sollte.

„…ein character indelebilis, ein untilgbares Prägemal auf der Seele der Gläubigen."

Die Osmanen verschwanden schließlich und das Rad der Geschichte drehte sich weiter, Verbündete und Erzfeinde wechselten auf der Bühne des großen Welttheaters, immer wieder die Rollen und heute sind diese traditionellen Tätowierungen beinahe gänzlich verschwunden, wie auch das archaisch anmutende, bäuerlich-ländliche Milieu, aus welchem diese Frauen entstammten. Die heutigen Tätowierungen (über welche Adolf Loos sein berühmtes Verdikt sprach) bei den Kroaten unterscheiden sich kaum von jenen in anderen, westlichen Länder. Nun, man kann das in Kürze beschriebene Phänomen natürlich aus verschiedenen Perspektiven betrachten, etwa als Glaubenszeugnis einer minorisierten Gruppe, auf Gedeih und Verderb den Siegern ausgeliefert und permanent am Rande der Vernichtung. Nach katholischer Lehre sind die Sakramente der Taufe, Firmung und auch die drei Weihesakramente, ja ein character indelebilis, ein untilgbares Prägemal auf der Seele der Gläubigen, so ähnlich wie auch die besprochenen religiösen Tätowierungen auf den Armen und Händen. Wollte man sozusagen dieses unzerstörbare, unsichtbare Gnadenmal noch durch ein untilgbares Brandmal auf der Haut bekräftigen? Oder war es vielleicht gar die weise Einsicht und Bestätigung des Dogmas Die Gnade setzte die Natur voraus und vollendet sie und ein beständiges, unwiderrufliches Erinnern, seinen christlichen Glauben in der Welt zu leben und sich zu ihm zu bekennen, eine ständige Mahnung zu haben, nicht zu sündigen und sich nicht zu verleugnen. „Die Herzen treiben längst im Strom der Weite“, sagt der Dichter Benn und so ist es auch mit dem, durchaus mutigen Glaubenszeugnis der Kroatinnen. Phänomene, wie die islamische Expansion, oder den Kommunismus mag man vielleicht durch einen solchen Akt widerstehen können, aber ob es die Gläubigen auch vor den Versuchungen der Gegenwart, dem Hedonismus und Materialismus zu schützen vermag, ist sehr fraglich. Wie sehr gemahnen doch die Kreuze, welche die Tätowierungen moderner Menschen schmücken, an stolz getragene Talismane im ruhelosen Wettlauf um Geld und Vergnügen in der calvinistisch-kapitalistischen Moderne, von welcher Max Weber sprach. Wie sehr zeugen heute religiöse Übungen manch eines Christen doch mehr von der Hoffahrt Kains als von der Demut der Mutter Gottes…„fiat mihi secundum verbum tuum“…

„Jetzt fühlte sich ihre geschändete Haut wie ein Nesselhemd, ins Fleisch gewachsen, dem Entrinnen keine Möglichkeit mehr gebend.“ So heißt es in Doderers Erzählung „Die Tätowierte“ und es ist eine wunderbare, poetische Beschreibung all jener Zeichen und Male, die der Mensch nicht wieder entfernen kann, welche unentrinnbar mit ihm verbunden sind. Mir fielen da etwa neben der Tätowierung die Amputation, die Beschneidung, der waffenstudentische Schmiss, aber auch die Physiognomie, die Hautfarbe, ja platonisch gesprochen auch der Körper an sich ein. Doch das größte und deutlichste unauslöschliche Zeichen, welches ein Mensch mit sich trägt, ist, glaube ich, doch sein Leben selbst, sein Tun, sein Unterlassen, schließlich die Worte, welche er schrieb und sprach. Wie hoffe ich, dass unser aller gezeichnetes Ich in ein schönes, neues Sein verklärt werden wird. Unsere körperlichen und seelischen Narben, bei der Auferstehung des Fleisches, geheilt werden mögen.

Was bleibt von dem Brauch der Kroatinnen? Ein historisches Detail jedenfalls, aber wenn man die Geschichte der Menschheit als Heilsgeschichte begreift, so ist kein Ereignis willkürlich, keines bloß Ornament, alles strebt, so will ich glauben, der Versöhnung zu, auch wenn es schwierig zu begreifen ist. Im Jahre 1941 ermordeten Angehörige der „Jugoslawischen Armee im Vaterland“ unter dem Kommando des Major Jezdimir Dangic fünf katholische Nonnen und deren gemarterte Körper wurden gemeinsam mit abertausenden Leichnamen ermordeter bosnischer Moslems in die Fluten der Drina geworfen. Vielleicht hatte auch manche der ehrwürdigen Schwestern die traditionellen kroatischen Tätowierungen an Armen und Händen, gingen mit ihnen in den Märtyrertod…? So denke ich manchmal, und ein Vers des kroatischen Dichters Tin Ujevic kommt mir in den Sinn, in welchem er sagt, dass das vergossene Blut, die gemeinsame Niederlage der Menschheit in Krieg und Gräuel, doch nur eine gemeinsame Geschichte aller Seelen sei.

EXPLICIT

GNADENTHAL · 2026