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Poetheologisches Onlinemagazin

Skrjabin und die Synpoesie des Klangs

Jan Juhani Steinmann

Alexander Nikolajewitsch Skrjabin, geboren am Weihnachtstage des Jahres 1871 in Moskau, trug ein Geheimnis in seiner Brust, ein Mysterium gleichsam trans se ipsum, ein Geheimnis seines eigenen Übermorgens, ein Mysterium posthumer Not.

Nun lautet dieses Geheimnis Skrjabins nicht vorrangig auf seinen bemerkenswerten Tag der Geburt, den er in aller gebührenden Unanspruchslosigkeit als Signum seiner Auserwähltheit las; noch auf seine Farb-Synästhesie, die es Skrjabin erlaubte, die unterschiedlichen Tonarten jeweils mit einer Farbe versehen wahrzunehmen; aber auch nicht auf der oft überwirklich anmutenden Genialität etwa seiner zehn Klaviersonaten oder dem Poème-Nocturne; sondern auf der paradoxen Unverfügbarkeit von Skrjabins letztem, freilich unvollendet gebliebenem Werk Mysterium. Unverfügbar paradox deshalb, weil dieses Werk sich selbst verfehlen musste, um dereinst gelingen zu können.

Intendiert war besagtes Mysterium von Skrjabin als messianisches Gesamtkunstwerk, welches als Sinfonie der Sinnlichkeit Töne, Düfte, Farben, Licht- und Nebeleffekte, Tanz und bewegte Architektur umfassen sollte. Konzipiert auf eine Spieldauer von insgesamt sieben Tage, sollte das Mysterium dabei, unterstützt von hunderten Mitwirkenden, in einer Kathedrale im Himalaya fortwährend aufgeführt werden, bis die gesamte Menschheit ihm beigewohnt und dabei im Zuge einer kollektiven Ekstase eine musikalisch-mystische Katharsis durchlaufen habe. Ziel war es die Menschheit dadurch in einen höheren Zustand transzendenter Einheit zu erheben. Was in früheren Werken Skrjabins, wie Le Poème de l’Extase, Prométhée oder Vers la flamme bereits angelegt war, sollte im Mysterium so zu einer inkommensurablen Steigerung gelangen, ja im Grunde das heilige Kunstwerk non plus ultra realisieren.

Skrjabin selbst verstand sich dabei als Erlöserfigur im Dienst Gottes, der dazu berufen war, das Mysterium zur Rettung, Heiligung und Steigerung der Menschheit zu schaffen. Aufgrund seines relativen frühen Ablebens im April 1915, Skrjabin war 43-jährig, lagen zum Zeitpunkt seines Todes jedoch lediglich 72 skizzierte Seiten des L’acte préalable des Mysteriums vor. Aus diesen Skizzen rekonstruierte der russische Komponist Alexander Nemtin später, während einer Dauer von 28 Jahren, die mögliche weitere Ausfaltung des Mysteriums, die im Jahre 1973 als Preparation for the final Mystery (1. Teil: Universum, 2. Teil: Menschheit, 3. Teil: Verklärung) uraufgeführt wurde und seither als Skrjabins Mysterium vorliegt. Die Spieldauer der Nemtin-Fassung von ca. 2 Stunden und 40 Minuten ist beachtlich, im Vergleich zu den potenziell vorgesehenen 168 Stunden des gesamten Mysteriums aber nur eine Fraktur.

Worin aber liegt nun Skrjabins Geheimnis seines eigenen Übermorgens? Sie liegt im eigentlichen Urmoment des Mysteriums, nämlich in der Not des Apokalyptischen, auf welche hin das Mysterium geschaffen werden sollte. Apokalypse bedeutet in ihrem originären Sinne „Entschleierung“ (altgriechisch von ἀποκάλυψις, apokalypsis; Entschleierung, Enthüllung oder Offenbarung), markiert also das epistemische Moment der Unverborgenheit von Wahrheit schlechthin, jedoch aus jener Prinzipal-Not verstanden, welcher erst die Hebung des Schleiers der Weltlichkeit von Welt das gebotene Heil bringen kann.

Wahrheit im apokalyptischen Sinne ist folglich immer schon über sich selbst hinaus, ist trans se ipsum, denn sie verwirklicht sich selbst immer erst vom Ende aller Dinge her. Wahrheit ist „eschatologisch“ (altgriechisch von τὰ ἔσχατα, ta éschata; die äußersten Dinge, die letzten Dinge), denn ihre Unwiderlegbarkeit bewährt sich nur im Letzten. Dies gilt im Übrigen auch für Christus, der sich als der Gesalbte Gottes erst vollends entbergen und bewahrheiten kann bei seiner Wiederkunft τὰ ἔσχατα.

Ich bin ein Nichts, ich bin ein Spiel, ich bin die Freiheit, das Leben, ich bin eine Grenze, ich bin ein Gipfel, ich bin Gott.

Die paradoxe Unverfügbarkeit des Mysteriums lag somit immer schon in seiner soteriologischen Ausgerichtetheit, die selbst bei Skrjabins tatsächlicher messianischer Erwähltheit sich nur aus jener Not ermöglichen wird, welche das Werk des Mysteriums selbst in ein Heil transzendiert, das zwangsläufig größer ist als jede Absicht es zu evozieren. Denn es entwächst nicht bloß der Prinzipial-Not, sondern ereignet sich überhaupt erst von der zeitlich alinearen Vollendung her. Das Mysterium musste also nicht nur misslingen, um posthum zu gelingen, sondern um vom Ende jeder möglichen Un-Not ermöglicht sein zu können.

Ist damit über Skrjabins Geheimnis bereits alles gesagt? Nein, denn in der apokalyptischen Not deutet sich uns an, gemäß welcher Notwendigkeit des Poietischen das Mysterium zu verwirklichen sein wird. „Poiesis“ bezeichnet das Schaffen (altgriechisch von ποίησις, poiesis; das Schaffen, Machen, Verfertigen), das heißt die Kraft, welche im Werk gebärt und erzeugt. Das Mysterium war also daraufhin angelegt, aus der Not in eine Notwendigkeit umzuschlagen, welche die Wendenot zur Poesie dieser Bewegung machen wird.

Skrjabins Poesie lag dabei in der Flexion in die Hoffnung der Musik, konkreter in eine soterische Synpoesie des entschleiernden Klangs, also eine Zusammen- und Mit-Verdichtung der apokalyptischen Tonalität (altgriechisch von σύν-, syn-; zusammen und mit).

Die Kennzeichen dieser skrjabin’schen Synpoesie sind einerseits das Paradox, die sich dem rein Begreiflichen entzieht; andererseits die Notwendigkeit alles Unbegreifliche musikalisch zu poetisieren, denn die Musik musiziert sich selbst, so wie die Dichtung sich selbst dichtet. Ferner ihre Progressivität in das Offene, denn Skrjabins Musik schafft im Freien und Spontanen, aber auf das eine, wenngleich unverfügbare telos der Erlösung hin. Diese Unvollendetheit vollendet sich selbst dann in der adäquaten Paradoxie des Fragments. Die Nähe zur Universalpoesie Schlegels und Novalis’ klingt unüberhörbar an.

Skrjabins Mysterium war also niemals darauf hin angelegt, vollendet zu werden, denn die Apokalypse wird sich selbst erst im Bruch der möglichen Unmöglichkeit schaffen. Die letzte Werdungszeit war und ist das Unwerden im Fragment, das uns Betroffene selbst herausfordert, daran mitzudichten, mitzuhören und mitzukomponieren, genau so, wie Skrjabins kollektive Ekstase dies auch vorsah. Das Mysterium war und wird somit immer nur Aufforderung für uns alle sein, uns selbst zu mystizieren, hat im Letzten also theotischen Charakter, denn es will die Vergottung aller (altgriechisch von Θέωσις, Theosis; Vergöttlichung, Vergottung), die ihm ausgesetzt sein werden.

Wir rechnen das Geheimnis Skrjabins damit insgesamt zur noblesse rebelle, denn der Adel der Apokalypse revoltiert in seinem Œuvre in poetischer Freiheit; und die Revolte des Göttlichen veredelt darin die Auflehnung gegen alles Unapokalyptische, Nicht-Soterische, Amystische und Nicht-Theotische. Skrjabins soterische Synpoesie im zweiträchtigen Akkord der Apokalypse war seine noblesse rebelle, die sich nur erfüllen konnte, insofern sie sich erfüllt haben können wird.

Skrjabin ist einer von uns, die wir Schicksal im Auge haben. Er ist mit Christus mitten unter uns, wo seine rettende Mit-Dichtung durch unsere Sphären klingt, von seinen Préludes über seine 3. Sinfonie Le Poème Divin bis hin zur Unsagbarkeit des Mysteriums.

EXPLICIT

GNADENTHAL · 2026